Kleiner Exkurs – Essstörung Teil 1

Ich bin allein zu Hause und entscheide mich, mal in der Mediathek zu kucken, was es so an interessanten Dokus gibt.
Oh, Schizophrenie! Das klingt mega interessant.

Jup. Ist es auch. Wir krass das ist. Sie erzählt, dass es schon als Kind angefangen hat. Dass sie ihren Namen gehört hat, obwohl außer ihr niemand im Haus war. Dass es sich dann stetig gesteigert hat und nicht mehr nur ihr Name, sondern auch andere Dinge gesagt wurden. Bis hin dazu, dass die Stimmen im Kopf ihr sagen, sie solle sich umbringen.

Wie gruselig ey. Wahnsinn. Ich bewundere sie, dass sie damit offen umgeht. Es ist so wichtig, dass Menschen mit dieser seelischen „Behinderung“ darüber sprechen, wie ihr Tag, wie ihr Leben mit dieser Krankheit aussieht.

Sie sagt, sie müsse die Stimmen aktiv unterdrücken. Wie, wenn man einen Ohrwurm hat und den unbedingt loswerden will. So muss sie mit den Stimmen umgehen.

Eine unfassbar gute Erklärung. Danke dafür.

Tolle Frau. Ich hoffe, sie macht noch ganz lange weiter mit der Missionsarbeit.

Danach entscheide ich mich nach längerem Hadern für eine Folge aus der „7 Tage....“ Reihe. Es geht um Essstörungen.

Puh. Ok. Ja. Krass. Ich erkenne mich wieder. Was die Mädchen erzählen, triggert mich extrem. Auch ihr Aussehen. Man sieht die Zahl auf der Waage. 47,8 Kilogramm. Sie ist 16, hat rote Haare, eine Brille. Sie ist viel zu dünn.
Ich weiß nicht, wie groß sie ist, es ist auch egal, sie ist viel zu dünn.
Mein niedrigstes Gewicht war bei ca. 48. Das war kurz vor meinem ersten Klinikaufenthalt.
Der war furchtbar. Ganz ganz schlimm.

Zu dem Zeitpunkt bin ich ungefähr 19, glaube ich. Oder schon 20?

Ich bin mir nicht sicher.

In jedem Fall steige ich mehrmals täglich auf die Waage, zu jeder Tageszeit. Wie das eine Mädchen in der Doku. Sie erzählt, dass sie bis zu 15 mal am Tag raufsteigt, um ihr Gewicht zu kontrollieren. „Vor dem Händewaschen, nach dem Händewaschen usw.“. Die Journalistin, die sich selbst als Teenie auf 45kg runtergehungert hat, fragt, was sich denn da geändert haben soll. Was das Mädchen denn erwartet, was die Waage für einen Unterschied zeigt – vor und nach dem Händewaschen. Bei der Frage denke ich direkt: „Du hattest auf jeden Fall keine „richtige“ Essstörung. Sei froh.“ Die Journalistin sagt auch, sie sei nie in einer Klinik gewesen, als sie ihren ersten Freund gehabt hätte, sei alles wieder gut geworden und seitdem geblieben.

Das Mädchen kann es ihr nicht erklären. Da gibt es auch nichts zu erklären. Es geht um Kontrolle. Es geht darum rauszufinden, wie weit man das Gewicht beeinflussen kann. Zumindest habe ich das so in meinem Hinterkopf. Außerdem ist ja da immer noch die Möglichkeit, dass die Waage beim ersten Mal falsch angezeigt hat. Vielleicht wiege ich ja doch ein Kilo weniger. Oder gar mehr? Hilfe. Das muss ich wissen.

Wie bei den negativen SST. Wie beim Blutzucker. Alles wird zehnmal kontrolliert. Es könnte sich ja innerhalb der letzten 2 Sekunden etwas geändert haben…
Ich hänge scheinbar immer noch drin in dem Muster.

Es ist nicht rational. Es ist krank. Oder besser: eine krankhafte Strategie. Wenn der Kopf beschäftigt ist, dann bleibt kein Raum, die ganzen Emotionen zu fühlen. Es gibt „Wichtigeres“.

Auch das ist immer noch drin. Ich will unbedingt ein Kind, ein „neues“ Kind. Also wird der Zyklus bis auf die letzte Sekunde kontrolliert. Ich will unbedingt, dass mein Zucker perfekt eingestellt ist. Also wird permanent gecheckt, was welches Essen mit meinem Stoffwechsel macht.
Alles tagesfüllende Kontrollaufgaben.
Ich hänge wirklich noch komplett drin. Kacke.

Ein anderes Mädchen hat Magersucht seit sie 8 Jahre alt ist. Sie mag den Begriff Magersucht nicht, weil es einem direkt einen Stempel aufdrücken würde. Ich denke darüber noch eine Weile nach. „Magersucht“. Ja, finde ich auch nicht sonderlich treffend. Essstörung allerdings genauso wenig. Kontrollsucht eher. Oder…. Nee. Nix mit Sucht. Es wird zwar zu einer Sucht, aber für mich, in meinem Kopf hat Sucht immer etwas mit Substanzen zu tun. In MEINEM Kopf. Nicht, per Definition. Per Definition sind nicht nur Rausch- und Genussmittel, sondern auch „zwanghafte“ Verhaltensweisen eine Sucht. AH! ZWANG! Nee. Irgendwie auch nicht. Das klingt auch nicht passend genug.
Eher…Ehm…. Naja, sowas wie Kontrollstörung vielleicht. Weil, eine gewisse Kontrolle ist ja wichtig, aber das richtige Maß wird nicht gefunden. Also ist die Verhältnismäßigkeit gestört. Hach. Semantik. Ich liebe es.

Zurück zur Doku: Das Mädchen ist jetzt, bzw. zum Zeitpunkt der Doku, 16. Sie hat schon 5 Klinikaufenthalte hinter sich und war einmal kurz davor, zu sterben. So schlimm sah es um sie aus. Sie sagt, es sei ihr gar nicht so bewusst gewesen.

Jup. Fühle ich. Mein Papa hat mal aus Spaß zu mir gesagt, dass ich so dünn sei, mich könne man zum Röntgen unter eine Straßenlaterne stellen. Hahaha. Das ist auch irgendwie lustig. Aber in der Zeit war mein Zustand alles andere als lustig.

Ich bin regelmäßig umgekippt. Mein kleiner Finger und der Ringfinger, ich glaube von der linken Hand, waren regelmäßig gar nicht durchblutet. Einfach ganz weiß. Wenn ich draufgedrückt hab, ist die Haut so gequetscht geblieben. Gruselig.

Ich hab kaum geschlafen, hatte oft Herzrasen. Viel gefroren.
Einkaufen ist mir schwergefallen, weil ich mit den ganzen Farben, Formen, Gerüchen und Geräuschen völlig überfordert war. Totale körperliche Erschöpfung.

Irgendwann habe ich im REWE in der Ramschabteilung, da gab es immer so einen Korb, wo Klamotten und anderen Krams drin war, eine Kinder-Jogginghose gekauft. Weißes Camo. Boah, schrecklich. Die hab ich dann auch noch bis zu den Knien abgeschnitten. Die war so klein. Meine Beine waren soooo dünn.

Thigh Gap – check. Bridge – check. Hatte ich. Damals kenne ich die Begriffe noch nicht, das Internet ist noch nicht so allgegenwärtig. Sind ja schon fast 20 Jahre her. FAST!
Mein Schlüsselbein hat auch komplett rausgekuckt, hier kenne ich den „Pro-Ana“-Begriff nicht.
Alles hat rausgekuckt. Trotzdem habe ich vorm Spiegel immer geprüft, ob ich die Knochen, die Rippen, die Knöchel, nicht vielleicht weniger stark sehen kann, als am Tag oder in der Stunde zuvor. Das hätte ja bedeutet, ich hätte wieder zugenommen.

Wie das von einem halben Apfel am Tag hätte gehen sollen. I don’t know.

Im Bus zur Schule, bzw. Ausbildung, teste ich damals immer den Umfang meiner Oberschenkel. Ich hab die Schienbeine gegen den Vordersitz gedrückt, so dass meine Beine abgewinkelt sind. So sind die Oberschenkel am breitesten. Ziel ist es, dass ich mit einem gebildeten Kreis aus Daumen und Mittelfinger beider Hände, den Oberschenkel umgreifen kann. Es müssen sich mindestens die Fingerspitzen treffen. Am Ende kann ich das erste Gelenk des einen Daumens auf das des anderen legen. Das erste Gelenk des einen Mittelfingers auf das des anderen. So unfassbar dünn.

Auch meine Handgelenke werden stetig im Umfang geprüft. Ich muss mit allen Fingern drum rumkommen. Daumen und Zeigefinger. Daumen und Mittelfinger. Daumen und Ringfinger. Daumen und kleiner Finger. Puh. Geht alles. Oh. Ich sehe gerade. Es geht noch immer.

Die Mädchen erinnern mich so sehr an mich selbst. Die eine, die erzählt, wie oft sie am Tag auf die Waage gestiegen ist, wird bei einer Gestaltungstherapie gezeigt. Sie sagt, wie gut es ihr geht. Dass sie gerade glücklich ist. Sie nimmt stetig zu.
Etwas später in der Doku wird sie am Monitor gezeigt. Ihre Vitalzeichen werden überwacht. Sie trinkt nicht mehr. Sie ritzt sich. Die Journalistin fragt, was passiert sei. Dass es ihr doch so gut ging.

Ich, oder ist es noch meine Essstörung, muss grinsen. Kraaaaaaaaaass. Bei der Einstellung in der Gestaltungstherapie, als sie sagt, wie gut es ihr gehen würde, ist mein erster Gedanke: „oh Liebes. Ich fürchte nicht. Deine Augen sagen was anderes.“
Ich weiß nicht warum, aber ich habe es ihr angesehen.

Aus meiner ersten stationären Therapie habe ich mich nach 5 Wochen entlassen lassen. Ich habe 18kg in 5 Wochen zugenommen. Die Therapeuten sind begeistert. „Ich habe das Gefühl, dass Sie es schaffen. Sie wirken, als ob Sie es überstanden hätten.“
So ein Amateur!!!! Ich weiß schon, als ich ihm zustimme, dass es Quatsch ist. Dass ich einfach nach Hause will, weil ich fucking 15kg zugenommen habe!!! Hat er eine Ahnung, was das bedeutet???? Nein, woher auch.

Ich verarsche ihn so richtig. Wie alle anderen auch. Oder besser gesagt, meine Essstörung tut es. Die Oberärztin will mich nicht gehen lassen, ich bestehe aber drauf. Weil ich ja erwachsen bin (zumindest auf dem Papier), muss sie mich auf eigene Verantwortung gehen lassen. Die positiven Worte des Therapeuten stehen in meinem Abschlussbericht.

Es hat keine 2 Monate gedauert, da hab ich schon wieder 8kg runter und bin wieder back on track. Auf weniger als 52 kg komme ich dann aber nicht mehr. Warum weiß ich gar nicht so genau.
Ha! Schon wieder!!!! Ich versuche zu erklären, warum ich nicht noch mehr abgenommen hab. Warum ich es nicht wieder auf 48kg runter „geschafft“ hab. NEIIIIN! KACKE! Es bleibt wohl auf ewig in meinem Kopf, diese Denke.

Jetzt kommt mir die Erinnerung an den Aufnahmebogen der ersten Klinik. Da steht, dass sie niemanden aufnehmen können, der einen BMI unter, ich glaube es war unter 13 oder unter 15. Ich weiß es aber nicht mehr. Mein BMI war kurz über 15. Ich weiß in jedem Fall, ich war noch über dieser Grenze. Aber mein erster Gedanke war: „Dann gehör ich ja noch gar nicht zu den ganz schlimmen Fällen, da geht noch weniger.“
Auf der einen Seite hatte mich das GANZ KURZ etwas beruhigt, aber der Hauptgedanke war, dass ich es noch nicht geschafft hab, zu den GANZ schlimmen Fällen zu gehören. Wie krass.

In der Klinik selbst wollen sie mich eigentlich auf die Intensivstation legen, ich soll künstlich ernährt werden. Diagnose: bulimimische Anorexie. Ich esse gar nichts oder erbreche das, was ich esse wieder.
Auf die Intensivstation will ich nicht. Ich will keinen Schlauch in die Nase. Oh Gott.
Ich bekomme eine Chance. Sie sagen mir bei der Aufnahme, dass sie sich das ein, zwei Tage mit ansehen, dass sie es dann entscheiden würden. Ich bekomme von Tag eins Beruhigungsmittel gegen mein Einverständnis. Ich weiß bis zur Entlassung nichts davon.

Ich heule nur. Während des gesamten Aufnahmegesprächs. Dann kommen die Regeln: Erstmal muss ich meine Zigaretten abgeben – Zu der Zeit rauche ich sehr viel. Dann alle Piercings rausnehmen. Nase, Zunge, Lippe. Alles raus. Ich breche fast zusammen. Alles, was mich „ausmacht“, muss ich ab- und aufgeben. Alles. Ich kann icht mehr.
Mein Papa sitzt die ganze Zeit dabei. Sichtlich aufgeregt. Ich glaube, er hätte mich am Liebsten wieder mitgenommen. Heute bin ich ihm dankbar, dass er so tapfer war und mich da gelassen hat.

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