Kleiner Exkurs – Essstörung Teil 2

Am Abend muss ich zum „Sonde“ trinken. Ein hochkalorisches Getränk, das wie eine Mischung aus Sahne, warmem Vanilleeis, Butter und Zucker schmeckt. HORROR! Ich habe drei Jahre quasi kein Fett und Zucker zu mir genommen. Außer, bei meine Fressattacken. Da durfte es dann auch schonmal ein ganzer Kuchen, ein halbes Kilo Nudeln oder mehrere Sahnepuddings sein. Nur das, was auch gut wieder raus geht. Ich hab noch immer die Liste im Kopf von Dingen, die gut „wieder raus“ kommen und dem, was irgendwie einfach hängen bleibt, was dann zu schlimmen Panikattacken geführt hat.

Wie auch immer. Diese „Sonde“ ist der absolute Alptraum. Ein Plastikbecher mit 200 ml voll Fett und Zucker. Oh Gott.

Wir, da sitzen noch andere, haben einen gewissen Zeitraum, um den ganzen Becher leer zu machen. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange das ist, ich glaube, eine Stunde? In jedem Fall muss ich am Ende ermahnt werden, wenn ich es nicht austrinken würde, müsse ich an die richtige Sonde, also künstliche Ernährung. Ich weine. Ich heule. Rotz und Wasser. Es ist so schlimm. Alles, wofür ich die letzten Jahre gekämpft hab. Es zerfällt vor mir. Meine größte Angst wird wahr. Ich muss die Kontrolle abgeben. Furchtbar.

Ich muss an das Mädchen aus der Doku denken, das sagt, es ginge ihr sehr gut und danach doch wieder zurückgefallen ist. Woran lag es wohl? Kurz vorher, zumindest in der Einstellung vorher, fragt die Journalistin: „Hast Du noch ein Foto, wo Du noch sehr dünn warst?“
Mir stockt sofort der Atem. Das kann sie doch SO nicht fragen!!!! Sie kann doch nicht nach einem Foto fragen, wo sie NOCH dünn war!!!! Das geht nicht!
Hätte sie mich das gefragt, hätte ich alle Fälle davon schwimmen sehen. Ich bin normal genug. Ich hab so viel zugenommen, dass ich nicht mehr zu dünn bin. Ich bin normal. Normal. Normal. Jetzt falle ich nicht mehr auf. Keiner sieht mehr, was ich leisten kann. Keiner sieht meine Disziplin. Keiner sieht meine Willensstärke. Ich bin normal. Am Ende sogar dick.

DAS KANN SIE DOCH SO NICHT FRAGEN!!!!

Wie sehr ich mich an die ganzen Gedanken erinnern kann, ist gruselig. Aber ja. Scheinbar stecke ich wirklich noch mittendrin. Zwar will ich nicht mehr so dünn werden, jetzt einfach gesund. Ich will, dass alle sehen, dass ich gesund bin. Dass ich mich um mich kümmere. Dass ich die mentale Stärke besitze, NEIN zu allen möglichen Genussmitteln zu sagen. Nein, ich esse keinen Zucker. Nein, ich trinke kein Alkohol. Nein, Weizen kommt mir nicht in den Verdauungstrakt. Nein, ich esse keine Nudeln / Kartoffeln / Reis. Ich muss noch kurz Sport machen.
Nochmal und nochmal und nochmal.

So gruselig.
Mir fallen so viele Sachen ein.

Ich weiß noch, dass ich unbedingt in die Klinik will, weil ich sonst Trauzeugin hätte sein sollen. PANIK! EINE HOCHZEIT! Chic anziehen, viel Essen, viele Leute, fröhlich sein müssen. Sich um den Junggesellinnen-Abschied kümmern. AUF KEINEN FALL! Aber ich kann auch nicht einfach „Nein, danke.“ sagen. Ich wurde gefragt, ob ich TRAUZEUGIN sein möchte. Der Grund, wegen meiner ach so starken Willenskraft, meiner Disziplin, meiner unbändigen Kontrolle, ins Krankenhaus zu müssen und deshalb nicht kommen zu können…. Genau mein Ding. Das fühlt sich richtig und gut an. Jetzt muss ich es aber auch durchziehen.
Die Braut ist sehr enttäuscht, aber natürlich total verständnisvoll. Sie hat ja beobachtet, wie ich mich halbiert habe. Wie aus dem dicken, 100kg Mädchen, mit den roten Haaren und der Brille, ein Schatten ihrer selbst wird.

Ach verrückt alles.

Insgesamt war ich dreimal stationär untergebracht. Das zweite Mal in Brandenburg. Nachdem ich einen Krampfanfall in einem Bioladen habe. Das muss etwa 2007 gewesen sein.

Ich mache gerade mein Abitur nach und arbeite parallel in der Gastro. Mein damaliger Freund ebenso. Es wird sehr viel Alkohol getrunken, sehr wenig geschlafen. Sehr viel gearbeitet, sehr wenig gegessen.
Wegen meiner Angstzustände bin ich noch beim Psychiater und bekomme Fluoxetin, da ist anscheinend der gleiche Wirkstoff drin, wie bei Prozac. Davon sind ja irgendwie 80% der Moderatoren und Schauspieler in den USA abhängig. Fluctin. Eine Pille, die glücklich machen soll.
Also was mir dabei aufgefallen ist, ich brauche zu der Zeit der Einnahme kaum Schlaf. Ich habe kaum Hunger. Ich bin gerne weg. Also scheint es zu wirken
Mein Gewicht von damals kenne ich nicht mehr, ich vermute auch so Ende 50er Kilos.

Am Tag des Krampfanfalls sitze ich im Bio-Unterricht. Mir tut alles weh. Jeder Muskel. Ich hab Probleme zu atmen. Am Abend vorher habe ich gearbeitet, getrunken, war sehr spät zuhause, ich meine mich zu erinnern, dass 4 Stunden Schlaf zu der Zeit viel war.

Jedenfalls sitze ich im Unterricht und muss irgendwann raus, weil ich auch kaum noch kucken kann. Mir tut einfach alles weh. Ich schleppe mich zur Toilette, wirklich gekrümmt und unter Schmerzen, lasse kaltes Wasser über meine Handgelenke laufen und hoffe, dass es dadurch besser wird.
Weil ich ja erwachsen bin, kann ich einfach gehen. Ich hole meine Sachen, setze mich in den Bus und fahre Richtung nachhause.
Weil ich den Tag vorher wieder sehr wenig gegessen habe und so lange gearbeitet, hab ich das Gefühl, ich muss mir ein paar Kalorien besorgen.

Ein BioLaden ist direkt hinter unserer Wohnung, also geh ich da auf dem Heimweg noch schnell rein. Ich schnappe mir Tofu und einen Kakao, will noch weiter kucken, muss mich aber erstmal hinsetzen.
Die Verkäuferin kommt auf mich zu und fragt mich, ob alles ok ist, ich sei so blass.

Das Nächste, woran ich mich erinnere ist, wie ich langsam wach werde und mir der Beatmungsschlauch aus dem Hals gezogen wird.
Ich fang sofort an zu heulen. Mein damaliger Freund ist da und sitzt am Bett. Er erklärt mir, dass ich einen Krampfanfall hatte und kurzzeitig ins künstliche Koma gelegt wurde, weil ich nicht aufgehört habe, zu zucken.

Ich stehe auf und hab einen fiesen Schmerz im Rücken. „Ja, die haben Dich punktiert. Rückenmarksflüssigkeit. Die wissen nicht, was los ist.“

Der schönste Moment im Krankenhaus ist der, als ein Pfleger mir den Rücken mit einem Waschlappen abwäscht. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen.

Bis heute kann ich mich an keine Diagnose erinnern, hab die Fluoxetin aber direkt abgesetzt und mir einen Termin in der Klinik gemacht.

Da bin ich dann 8 Wochen lang.


Besuch Nummer drei ist nach dem Tod meiner Schwester. Ich habe einen kompletten Rückfall. Sie stirbt am 02.10.2011 und im Januar 2012 gehe ich für 12 Wochen in Berlin in eine Klinik. Zunächst in die „Abteilung“ für Essgestörte, um aus der Ess-Brech-Spirale rauszukommen, in die ich wieder reingerutscht bin. Weil das aber doch nicht mein größtes Problem ist, werde ich vom Therapieplan mit den Depris zusammengetan. Ich habe zu der Zeit wieder schlimme Angstanfälle und ganz finstere Depressionen.
Meine dortige Bezugsschwester, also meine erste Ansprechpartnerin wenn es gar nicht mehr geht, weint immer, wenn ich mit ihr rede. Ich weine da sehr wenig. Nur aus Angst. Sie sagt dann immer „Sehen Sie, ich weine stellvertretend für Sie. Sie haben so viele schlimme Sachen erlebt.“
Ich weine da meist bei der Physiotherapie. Wenn ich Akkupressur, eine Rückenmassage oder ähnliches bekomme. Jedesmal. Die Therapeutin da ist so nett. Sie erklärt mir, wo der emotionale Gürtel im Körper ist und dass er bei mir (Nacken, Schulter, oberer Rücken) ganz ganz ganz fest ist.
Es ist heute noch so, wenn ich eine Massage bekomme, dass ich einen Kloß im Hals hab. Keine Ahnung warum. Genau wie bei dem Pfleger im Krankenhaus, direkt nach dem Krampfanfall, der mir mit dem Waschlappen den Rücken wäscht.
Verrückt.

Dieser dritte stationäre Aufenthalt, im Theoder-Wenzel-Werk, war mein bester und der effektivste. Ich weiß nicht, ob es an den Umständen, meinem Alter, meiner Bereitschaft zur Mitarbeit oder den Profis und dem Angebot dort gelegen hat. Vielleicht an allem. Aber es hat mir nachhaltig geholfen.

2 Kommentare zu „Kleiner Exkurs – Essstörung Teil 2

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