Danke Kopf. Danke.

Oh wow. Schon wieder so viel Zeit vergangen.

Eigentlich ist das ja ein gutes Zeichen. Also klar, ich komme einfach nicht wirklch zum Schreiben, weil ich wieder so häufig im Büro bin, das hatte ich schon erwähnt.

Aber in meinem Kopf wird es zunehmend ruhiger. Das ist unglaublich erleichternd. Das ist auch der Grund, warum ich mir mehr Zeit lassen kann, bis ich etwas schreibe. Nichts MUSS raus gerade.

Das ist ein angenehmes Gefühl.

Nichtsdestotrotz ist viel passiert. Hier schonmal die erste Story.

Ich war bei meiner normalen Gyn. Ich finde sie so toll. Sie ist mega einfühlsam und ruhig und empathisch und einfach lieb.

Eigentlich hab ich einen Termin zur Vorsorge gemacht, mir war, als müsse ich alle 6 Monate hin. Da angekommen heißt es dann, dass ich doch schon im Januar zur Vorsorge war, jetzt gar nicht muss. Aber ich darf trotzdem zur Ärztin.

Vorab habe ich ihr die Befunde aus der KiWu-Praxis geschickt.

Ich gehe also rein, sie begrüßt mich sehr freundlich und fragt mich wirklich aufrichtig, wie es mir geht. Sie will es wirklich wissen. Das ist schön.

Sie spricht mich auch auf die Befunde an und sagt: „Mich wundert das total, ich hätte Sie da gar nicht hingeschickt. Was war denn los?“

Dann sage ich ihr, dass ich das Gefühl gehabt habe, irgendetwas stimme nicht, dass ich wegen Corona keinen zeitnahen Termin bei ihr bekommen konnte und dann dort hingegangen bin, damit meine Hormone mal geprüft werden. Und dass ich eben dann so da rein geraten bin.
„Das tut mir unendlich leid. Wir hatten Termine auch zu Corona, ich hätte Sie sofort irgendwie rangenommen.“

War ich wieder zu ungeduldig.

Naja, sie spricht mich auf den niedrigen Eisenwert an, ich sage ihr, dass ich supplementiere.

Sie sagt, das sonst alles sehr gut aussähe.
Sie hakt nochmal nach, ob ich mich unter Druck gesetzt gefühlt habe, dass ich deshalb in eine KiWu-Praxis gegangen wäre.
„Ja, von mir selbst. Ich wollte unbedingt wieder, oder wahrscheinlich eher weiter, schwanger sein.“


Während ich das sage, fällt es mir auf. Ich brauchte die Zeit bis mindestens jetzt. Es hat einfach so lange gedauert. Vielleicht dauert es noch länger.
Es geht mir mittlerweile, oder momentan, total gut, aber jetzt wirds mir klar: ich hab es einfach nicht akzeptieren wollen, dass ich nicht mehr schwanger bin.
Mein Kind einfach nicht loslassen wollen.
Unsere Aussicht, dass wir 2020 ein Baby bekommen und Eltern werden, ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass es nicht so ist.
Aber es ist so.
Wir werden kein Baby in 2020 bei uns zuhause haben.
Wir haben in 2020 kein Baby bekommen und werden es auch nicht mehr.
Das ist die Realität.

Seit geraumer Zeit wird mir immer bewusster, dass mir ein Teil des Puzzles fehlt. Mir fehlt zu wissen, wie sie sich angefühlt hat. Wie sie gerochen hat. Ich hab sie „einfach“ weggegeben. Sie wurde einfach weggeworfen.

Der Gedanke macht mich fertig. Der Gedanke, dass ich sie so wenig wertgeschätzt habe. Dass ich sie einfach hab gehen lassen.

Weil ich aber wirklich nicht wieder in ein Loch fallen will und mir nicht antun will, mich mit Schuld oder schlechtem Gewissen zu zerfressen, versuche ich mich mit meiner Wortwahl zu beruhigen.

Ich sage nicht, „ich bereue es“, dass ich sie nicht sehen wollte, dass ich sie nicht halten wollte, dass ich sie nicht küssen wollte. Ich sage, „ich bedauere es“. Das zutiefst. Wirklich.
Ich sage nicht „Du hättest es wissen müssen, es wurde dir mehrfach gesagt, du sollst dein Kind ankucken. Selbst schuld!“. Ich sage: „zu der Zeit schien es die richtige Entscheidung. In all der Überforderung und Angst, schien es richtig zu sein, mich abzukapseln. Es war ein Schutzmechanismus. Ein Muster. Eine Strategie.“

Auch hier wieder: ich wollte es nicht wahrhaben. Es war in meinem Kopf einfach falsch. Es war anders geplant. Wir sollten sie 2020 bekommen. Nicht 2019. Sie sollte leben. Nicht tot sein.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht drüber nachdenke. Vielelicht auch, weil sich die Geburt bald jährt. In 4 Wochen ist es ein Jahr her. Verrückt.

Ich stelle mir vor, wie die kleine Motte auf meiner Brust liegt. Ich spüre sie richtig. Wirklich. Ich kann sie spüren.
Danke Kopf, dass Du mir eine Idee davon zeigst, wie es gewesen wäre. Danke, dass Du versuchst, das Puzzle mit einem Provisorium fertigzustellen. Ich weiß es wirklich zu schätzen. Leider wird es auf ewig unbeendet sein. Das Teil fehlt und ich sehe es, jeden Tag.

Trotzdem. DANKE!



Dann fragt sie mich, was ich mir vorstelle, was ich mir wünsche, wie es weitergehen soll.

Ich erkläre, dass ich einfach erstmal runterkommen will. Dass das alles ganz schön viel war und auch unschön und mich sehr gestresst hat. Dass ich kurz eine Pause von allem brauche.

Das findet sie gut.
Sie sagt, sie würde mir auch direkt eine Überweisung in eine andere Klinik ausstellen, aber WENN ich es aushalten würde, dann solle ich mir noch etwas Zeit geben. Dass das das Richtige jetzt sei.
Wenn es in 6 Monaten noch immer nicht geklappt hat, dann könnten wir ganz ruhig nochmal anfangen zu schauen. Sie sagt auch, sie könne den AMH-Wert, den ich ja gerne überprüfen lassen wollte, natürich überprüfen, aber es sei ein zweischneidiges Schwert.

Das AMH, das Anti-Müller-Hormon, zeigt u.a. an, wie es um die Eizellenreserve der Frau steht.
Ist der Wert hoch, sind viele Eizellen im Eierstock, ist er niedrig, demensprechend wenige.

ABER, das sagt meine Gyn: So einfach ist es dann doch nicht.
Die Bestimmung des Wertes könne mich auf der einen Seite beruhigen, mir andeuten, dass ich noch genügend Zeit habe, der Wert ist ja hoch.
Auf der anderen Seite, ist der Wert niedrig, würde ich mich am Ende, wahrscheinlich unnötig, verrückt machen und noch unentspannter sein. Aber auch mit einem niedrigen Wert ist nichts verloren.
Sie würde es mir also NOCH nicht empfehlen, ich sei ja auch erst 36. Wenn ich es aber unbedingt wolle, würde sie natürlich Blut abnehmen.

Ich vertraue ihr, lehne den Test ab. Ich fühle mich endlich gut aufgehoben.
Als ich rausgehe sagt sie noch: „Dann sehen wir uns spätestens in einem halben Jahr, WENN Sie so lange durchalten. Ich hoffe aber, dass wir uns aus schönen Gründen schon bald wiederehen.“

Sie ist so toll. Ich gehe richtig erleichtert nachhause. Ganz ganz ganz toll!

DANKE!

Seit dem, das war vor einer Woche, geht es mir sehr gut.

Ich tanze viel zu „Already“ von Beyoncé, auch im Büro 😀
Es entspannt mich und macht mir gute Laune.
Ich mache wieder regelmäßig Sport. Ich merke Veränderungen an meinem Körper. Ich werde flexibler, lockerer, stärker.

Ich mache mich bereit für meine Zukunft. Ich weiß, wie sie aussehen darf. Ich weiß, wie ich sie mir wünsche. Los geht’s.

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