Fragiles Besserfühlen

Wie schon im gestrigen Beitrag angedeutet, ist mein „neuer“ Zustand, mein „es geht mir so viel besser“ natürlich nur die halbe Wahrheit. Also nee, es ist schon wahr. Aber ich laufe ja nicht völlig abgekapselt von meinen Gefühlen durch die Botanik. Zum Glück.

Auch, wenn es manchmal gut ist, die Gefühlswelt für einen Moment draußen zu lassen, an sich schätze ich es sehr, dass ich meinen Gefühlen Raum geben kann. Es macht auf lange Sicht doch einiges einfacher.

Also, obwohl es mir gerade sehr gut geht, triggern mich doch manche Sachen noch ganz schön. Eine sogar so doll, dass kurz gedacht habe, dass es mir wohl doch noch nicht wirklch gut geht.

Es ist Wochenende. Wir, also S und ich, machen uns fertig, um einen Kumpel zu besuchen. Er hat gerade ein Haus gekauft, wir dürfen es uns schonmal ansehen und auf dem neuen Anwesen grillen.

Ich weiß ja, dass ein spezieller anderer Kumpel kommen will. Der, dessen Frau einen Monat nach mir schwanger war, dessen Kind einen Monat nach unserem errechneten Entbindungstermin gesund zur Welt kam.
Ja, ok, dann kommt er halt. Wir treffen uns eh erst abends, da kommt er sicher ohne Family.

Also mach ich mich entspannt fertig, freue mich auch echt auf den Abend, weil A auch kommt und ich sie wahrscheinlich vor der Entbindung ihrer beiden Regenbögen sonst nicht mehr sehe. Letzte Chance!
Ich freue mich echt dolle auf sie, hab auch überhaupt kein Problem mit ihrer Babykugel. Ich gönne es ihr von Herzen. Wirklich. Mir wird bei dem Gedanken, sie zu treffen, nicht komisch, ich werde nicht zittrig, nix. Ich freue mich aufrichtig. Kann es auch kaum erwarten, dass ihre Kinder da sind. Bin wirklich sehr gespannt und froh, dass ich ihre Schwangerschaft, wenn auch meist digital, irgendwie mitbekommen durfte. Ich bin noch froher, dass ich mich so für sie freue. Wirklich. No bad feelings whatsoever!

Naja, wie dem auch sei. Ich freue mich also auf A und auch auf die anderen die noch kommen. H darf auch mit und das Grundstück erkunden, das find ich gut. Die ein oder andere Delikatesse wird für sie sicher vom Grill fallen 😀

Beyoncé begleitet mich im Bad, ich bin gerade mit den Augen fertig. Dann kommt S nach oben. „Ehm. L kommt mit beiden Hunden. Und mit D und dem Kleinen.“
Mir fällt alles aus dem Gesicht. H hat eine krasse Odyssee wegen ihrer Nase hinter sich und die Hunde von dem speziellen Kumpel L sind einfach scheiße. Also nee, die können ja nix dafür, aber einer hat H schonmal angefallen. Und dann noch die Frau mit dem Kind, was so alt ist wie unser Kind sein sollte.

Mir wird schlecht. Kacke. Scheiße. Ich fang an zu zittern. „Tut mir leid.“ Sagt S vorsichtig.
„Ey, das wird der mit Abstand ätzendste Abend für mich. Echt. Scheiße.“ Ich fang an zu Weinen. Krass. Mein Herz tut weh. Arrrrrgh. Das Zittern wird immer schlimmer.

„Du musst nicht mit. Wirklich. Bevor Du Dich so quältst. Is schon ok.“ – „Nee, ich muss mich DEM ja mal stellen. Das geht doch so nicht. Ich kann ja nicht ewig vor ihr und dem Kind weglaufen.“
Kurz mit A geschrieben, sie macht mir auch nochmal Mut.

Ich bekomme trotzdem eine Panikattacke. Sie überrollt mich richtig. Ich heule richtig richtig richtig dolle. So richtig. So, dass mein Gesicht anschwillt.

Fuck fuck fuck. Zu wissen, dass ich gleich ein Kind sehe, wo ich genau weiß, dass mein Kind ungefähr so groß, so entwickelt wäre. Boah. Krass. Das ist schon hart.

Nach zwanzig Minuten beruhige ich mich wieder. Meine Augen muss ich nochmal machen. „Willst Du echt mitkommen? Du musst nicht.“ – „Doch, ich muss. Die Angst ist ja total irrational. Wenn ich mich dem nicht stelle, dann wird es nie besser. Und sie kann ja nix dafür. Ich komm mit.“

Ok, gesagt, gezittert, aber getan!

Ende vom Lied: sie sind nicht gekommen. Abgesagt, weil der Kleine schreit. Ok. Puh. Bin ich wieder davongekommen. Es war ein sehr schöner Abend und ich konnte endlich mal ne Weile live mit A sprechen. Schöner Abend, schönes Wochenende. Alles gut.


Nächste Situation, die mir zeigt, wie zerbrechlich, zumindest meine, mentale Gesundheit ist.

Ich treffe mich mit Su zur Hunderunde. ENDLICH. Es hat irgendwie die ganze Zeit nicht so richtig geklappt. Diesmal aber spontan. Juhuuu.
Wir gehen los, quatschen ein wenig. Dann kommt eine kleine Info, dass eine gemeinsame Freundin, mit der ich aber seit Corona-Start quasi nichts mehr zu tun habe, sich die Spirale hat ziehen lassen.
Warum wir nix mehr mit einander zu tun haben, weiß ich nicht. wir melden uns einfach nicht beieinander. Manchmal ist es so, alles ok.
Naja, in jedem Fall erzählt Su mir das, um mir eigentlich das Drama daran zu schildern, nämlich, dass ein Ärmchen der Spirale abgebrochen und noch in der Schleimhaut hängt. Dass die Freundin sie nächste Woche rausoperiert bekommen muss und in der Zwischenzeit kein Fieber bekommen darf.
Krasse Geschichte.

Mein erster Gedanke, innerhalb von Millisekunden, der meinem Magen einen stumpfen Stich versetzt: „Sie wird bestimmt sofort schwanger. Sie behauptet nur, sie will keine Kinder, sie wird sofort schwanger, garantiert.“
Ich frage Su: „Planen die was?“ Mit „die“ meine ich die Freundin und ihren Partner. Er ist total gegen Kinder. Findet Kinder nervig und ätzend. Angeblich. Sie hat auch überhaupt keinen Bock drauf, angeblich.

ANGEBLICH!

Aber in dem Moment steht für mich fest, dass die VOR mir schwanger wird. Garantiert.

Selbst, nachdem Su auf meine Frage sofort ein total ungläubiges „Nee. Also neeeee.“ antwortet, ist für mich der Ausgang der Story klar. Und ab da ist mir übel. Ne ganze Weile.

Oah, und eigentlich find ichs soooo gut, dass sie das Ding rausnehmen lässt. Wirklich. Sooo gut.
Und ja, es sei ihr doch gegönnt, Mama zu werden, wenn sie das denn will. Und wenn nicht, dann ist das auch ok. Aber der Magendruck bleibt.

Kopf sagt…Herz sagt… WERDET EUCH ENDLICH EINIG!

Es beschäftigt mich noch den ganzen Nachmittag. Dann denke ich darüber nach, warum das so schlimm wäre. Und da ist der nächste kleine Aha-Moment. Competition. Ich sehe alles als ein Wettkampf. Wer bekommt alles vor mir was und warum kann ich das nicht genauso schnell?
Arrrrrrrrrrrgh. Diese vielen Baustellen in meinem Kopf. Es ist unfassbar. Abends beschließe ich deshalb, zu meditieren, wenn man das so nennen kann. Erst mach ich 45 Minuten richtig Ausdauersport, auf dem Rad. Ich schwitze, als sei ich frisch geduscht. Es ist herrlich. Danach komm ich zur Ruhe, etwas Stretching, dann in die Dusche. Dabei merk ich schon, wie es langsam besser wird. Allein das Bewusstsein darüber, dass ich einen Wettkampf draus mache, hilft mir, es lockerer zu sehen.

Denn das ist sicher auch das, was ich mit meiner Trauerverarbeitung unterbewusst gemacht habe. „Ich pack das ganz schnell. Easy. Ich schaff alles. Schneller als alle anderen.“

Wie ansrengend. Wann hab ich mir das denn bitte angewöhnt? Dass ich überall die Erste sein muss? Ich war nie in nem Verein oder so, wo das wichtig gewesen wäre.
Zuhause? Hmm. Weil middle child? Hmm…. Nee…oder? Ach, keine Ahnung. Es ist mir bewusst geworden und das ist ein weiterer seeeeeeeeeeeeeeehr großer Schritt.

Zum Glück hab ich mich drauf eingelassen, zu „heilen“. Es hat gedauert, aber ich hab mich getraut und werde belohnt.

Mein Gefühl mir gegenüber hat sich total verändert. Ich bin mir sicher, mein Körper kann eine weitere Schwangerschaft zulassen. Ich bin mir sicher, ich kann ein gesundes, lebendiges Kind bekommen. Ich bin gnädiger mit mir und geduldiger. Es ist arbeit, aber es lohnt sich. Wirklich.

2 Kommentare zu „Fragiles Besserfühlen

  1. Hallo,

    ich kann dich soo gut verstehen. Eine Bekannte von mir ist auch im Juni schwanger geworden, einfach so, nach 16 Jahren ohne Menstruation dank Pille…..sie wusste noch nicht einmal was ein Ovulationstest ist…haha…. Und jetzt hat sie natürlich erfahren das es ihr Traumgeschlecht werden (Zitat: alles andere hätte ich nicht bekommen höhö). Da tun mir vom Augenrollen schon die Augen weg.
    Und nein, ich gönne es ihr nicht und zwar sowas von überhaupt nicht! Sie hat schlecht gelebt (viel Alkohol) und sich null Gedanken gemacht und wird direkt nach dem Absetzen der Pille schwanger….
    Und dann fühle ich mich schlecht, weil ich eigentlich kein neidischer Mensch bin und allen wirklich ALLES gönne.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich glaube, es ist wichtig, dass Du Deine Emotionen erlaubst. Es klingt für die, die diesen „Kampf“ nicht führen vielleicht unverschämt oder zu hart oder gemein.
      Aber wie gesagt, wer nicht weiß, sie sich das alles anfühlte, der sollte Vorsicht beim Urteilen walten lassen. Neid ist nicht schön und belastet zusätzlich, aber die Emotionen sind da, kommen hoch, und sie wahrnehmen und akzeptieren ist so so so so wichtig. Erst dann kann es irgendwann irgendwie besser werden.

      Ich drück Dich und danke Dir, für Dein Feedback 🤗 ❤️

      Liken

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