im Loop Teil I – meine Schwester

Es liegen schreckliche Tage hinter mir. Richtig schlimme Tage. Eigentlich war mein Plan, ab Freitag, dem 9. Todestag meiner Schwester, jeden Tag einen Blogeintrag zu machen. Ging nicht. Ich konnte nix schreiben. Es fällt mir immernoch schwer, aber ich will das alles festhalten. Also wird es jetzt nachgeholt. In diesem Beitrag wird es, wie die Überschrift vermuten lässt, um meine Schwester gehen.


    Freitag, 02.10.20

    Neun Jahre. Neun Jahre ist es schon her, dass ich den Anruf meines Vaters bekommen hab. Ein so schöner Herbstmorgen, der Tag verspricht wunderschön zu werden. Es ist kalt, aber eine angenehme Luft. Die Straßen sind noch recht ruhig, es ist noch früh und Sonntag. Aber dann klingelt mein Handy. Mein Papa ruft an. Morgens um 8 oder halb 8.
    Dann bricht meine Welt zusammen.

    Wie kann das sein? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Doch. Es ist so. Sie ist tot.

    Was ich bis vor Kurzem vergessen, oder eher verdrängt, habe, ist, dass sie scheinbar Endometriose hatte. Ihre Organe waren alle miteinander verwachsen. Als mein Vater mir das beim letzten Heimat-Besuch erzählt, bin ich wirklch total überrascht. „Wusstest Du das net?“ Ich weiß es nicht. Echt. Ich frag dann meinen Kumpel B, der ja zu der Zeit hautnah dabei war. „Ja klar, das hattest Du doch direkt nach der Beerdigung erzählt. Genau das.“ Ich bin baff. Kann mich null erinnern. Verrückt. Aber wahrscheinlich hab ich es in diesem Schockzustand nicht richtig verarbeitet. Keine Ahnung. Sie hat geraucht und die Pille genommen, ich dachte, das Gerinnsel in der Lunge sei deshalb gewesen. Naja, das bedingt sich sicher alles. Sie hatte immer unfassbare Schmerzen, während ihrer Periode. Sie war richtig krank. Sie konnte nichts essen, nicht aufstehen, hat gebrochen und geweint. Es war richtig schlimm. Heute sehe ich viele Kampagnen, die sich mit Endometriose beschäftigen und aufklären. Das war „damals“ noch nicht so. Auf dem Dorf erst recht nicht.

    Ich bin normal nicht so der Datums-Trauer-Typ, mir kommen Emotionen an so „Feiertagen“ immer eher gekünselt und erzwungen vor. Zumindest bei sowas wie Weihnachten oder so was. Mag ich einfach nicht.

    Aber dieses Jahr ist alles anders. Ich werde wach, am 02.10., und hab schon einen Kloß im Hals. Fühl mich gerädert, müde, ausgelaugt.

    Es geht mir einfach nicht gut.

    Ich vermisse sie. Immer wieder hab ich eine Situation im Kopf, die mir die Tränen in die Augen treibt.


    Es ist irgendwann im Winter, glaube ich, ich bin aus Potsdam zu Besuch zu Hause, bzw. gerade angekommen. Es ist schon dunkel und es ist kalt. War es vielleicht ihr Geburtstag? Dezember? Ich weiß es nicht mehr.
    Mein Bruder holt mich am Bahnhof ab, ich hab alle gebeten, meiner Schwester nix zu verraten, nicht zu sagen, dass ich runterkomme. Meine Schwester holt ihren Realschulabschluss in der Abendschule nach und ich bin so angekommen, dass wir sie direkt mit Nachhause nehmen können.

    Wir warten also an der Stelle, wo mein Bruder sie nach der Schule immer einsammelt. Ein Parkplatz vor einer alten Gaststätte oder Kneipe, im Dorf kurz vor der nächsten Kleinstadt. Es ist wirklich richtig dunkel. Dorf eben.

    Fünf Minuten, bevor meine Schwester ankommt, steige ich aus dem Auto aus und verstecke mich hinter einer Hecke, die auf dem Parkplatz ist. Müsste ich wahrscheinlich nicht, es is sooo dunkel.
    „Ah, da kommt sie endlich.“ Ich sehe sie und grinse wie ein Honigkuchenpferd. Ich bin ganz aufgeregt. Sie braucht gefühlt ewig, bis sie ins Auto einsteigt. „Was dauert denn da so lange?“ Denke ich zitternd. Zitternd vor Kälte und Vorfreude.

    Endlich, sie steigt ein. Mein Bruder macht das Auto aber noch nicht an. Ich sehe, wie meine Schwester den Kopf zu ihm dreht, höre sie aber nicht. Wahrscheinlich fragt sie, warum sie nicht einfach losfahren.

    Dann ist mein Auftritt! „TADAAAAAAAAAAAAAAA!!!“ Ich hüpfe aus der Hecke, direkt vor’s Auto.

    Ich sehe richtig, wie meine Schwester zwei Sekunden braucht, um mich zu erkennen, um zu raffen, dass ich es bin. Dann reißt sie Mund und Augen auf. Sie schreit. Sie steigt aus, springt mir um den Hals und fängt an zu weinen. Wir hüpfen auf und ab und freuen uns so, dass wir uns sehen.

    Sie wischt ihre Tränen weg, wir geben uns einen dicken Kuss, wie immer, wenn wir uns sehen.


    Mein Herz hüpft und tut gleichzeitg weh, wenn ich an diesen Abend denke. Sie hat sich so über meinen Besuch gefreut, dass sie angefangen hat, zu weinen. Das hat noch nie jemand. Weder davor noch danach. Das ist eine meiner Lieblingserinnerungen. Obwohl es tausende gibt. Ich vermisse sie so sehr. Mir fallen so viele Geschichten ein. Krass. Was wir alles erlebt haben. Wie unglaublich viele schöne Momente dabei waren. Wie unglaublich viele Lachanfälle, inklusive fast in die Hose pinkeln. Aber diese Geschichte ploppt immer wieder auf. In den nächsten Tagen vermehrt. Immer im Loop.

    Ich vermisse sie so.

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