Handlungsbedarf

Montag. 08.02.2021. Winterchaos in Deutschland. Auch in Berlin. Ich liebe Winter. Ich liebe Schnee. Ich hab mir so sehr Schnee gewünscht. Da ist er. Toll.
Schnee macht natürlich nur Spaß, wenn man nicht mit dem Auto oder den Öffis fahren muss. Auto hat sich bei mir erledigt, seit Sonntag hat es den Geist aufgegeben. Ist eben kein Räumfahrzeug sondern ein Skoda, Baujahr 2004. Der darf keen Bock haben.

Die Öffis fahren zwar, aber wer weiß wie lange.

Ich weiß es jetzt. Weil wir ja Öffis fahren mussten. Wir sind ohne Probleme zum Planungsgespräch gekommen. Also ohne größere Probleme. Ein, zwei Bahnen sind ausgefallen, das ist aber ja fast schon normal und unabhängig von jeglichen Schlechtwetterkapriolen.
Naja, wie dem auch sei.

Wir kommen pünktlich im Fertility Center an. Yaaay. Erste Hürde gemeistert.
Dann geht’s auch recht schnell. Wir warten keine 10 Minuten.

Mir fällt direkt auf, wie angenehm die Ärztin heute ist. Viel zugewandter als die anderen beiden Male. Vielleicht fühl ich mich aber auch einfach sicherer, mit S an meiner Seite. Wer weiß.
Sie geht direkt ins Eingemachte:

„Ich hab ja jetzt alles von Ihnen da und muss sagen, dass Sie sehr gute Chancen haben, spontan schwanger zu werden. Ich kann nichts finden, was dagegen spricht.“

Oh, schön. Das ist erstmal ja schön. Sie erörtert nochmal, dass das Spermiogramm super war, mein Vitamin D halt etwas niedrig, und AMH naja, auch unter 1. Diesmal klingt es aber so, als ob sie das auch nicht so ganz so schlimm findet. Ich bin irgendwie…ja…froh? Ich weiß nciht. Ah, sie redet weiter:

„Also sagen wir es mal so, ich würde jetzt kein Jahr mehr warten. Aber sie können es durchaus nochmal auf spontanem Weg probieren. Wenn es aber bis, naja, bis Juli, August, diesen Jahres nicht geklappt hat, dann sollten wir nachhelfen. Dann würde ich aber keine Insemination vorschlagen sondern direkt eine IVF.“

Ok. Nochmal ein halbes Jahr warten. Ok.

„Im August habe ich allerdings Urlaub, fällt mir gerade ein, also kommen Sie am besten im Juli wieder, sollte es bis dahin nicht geklappt haben. Dann wäre das ein Fall von idiopathischer Sterilität. Also eine Unfruchtbarkeit ohne Befund, ohne, dass es Gründe gibt.“

Ok. Ich hake nochmal nach: „Es besteht also derzeit nicht akut Handlungsbedarf?“ –
„Nee, würde ich so aus der Befundanalyse nicht sagen. Wie gesagt, wir müssen Ihr Alter und auch Ihren AMH-Wert berücksichtigen, also würde ich kein Jahr mehr warten, aber sie haben wirklich gute Chancen, dass es ohne Hilfe klappt. Wissen Sie, so ein Spätabort….also, der Körper ändert sich nach einer Schwangerschaft. Egal, wie diese ausgeht. Und nach so einem späten Abort, da muss ihr Körper sich sicher länger erholen, als wenn es jetzt in den ersten 8 Wochen schon zu Ende gewesen wäre. Für die Psyche mag es wenig Unterschied geben, wenn man sich auf das Kind freut, dann ist es egal, wie weit man war. Das ist alles total individuell. Der Körper natürlich auch. Aber vielleicht braucht ihr Körper einfach etwas länger, bis er wieder bereit ist, schwanger zu werden. Sie sollten ohnehin bei einer neuen Schwangerschaft überlegen, ob Sie sich psychologisch betreuen lassen. Das wird wahrscheinlich eine schwere Zeit für Sie. Muss es natürlich nicht. Aber erfahrungsgemäß wird es das. Zwar ist jetzt schon eine Weile vergangen, es ist sicher mittlerweile einfach als noch Ende 2019, darüber zu reden. Aber sagen wir mal so, es ist ein zartes Pflänzchen. Es wird sie begleiten, denke ich. Vor allem, wenn Sie in der neuen Schwangerschaft zu dem Zeitpunkt kommen, bei dem es das erste Mal nicht gut ausgeganen ist. Das würde Ihnen jetzt in der Zeit vielleicht auch schon helfen.“

Stille. Alle nicken irgendwie verständnisvoll.
Ich freue mich ehrlich gesagt, dass sie das alles so betont. Dass der Körper diese erste Schwangerschaft erst verarbeiten muss. Dass es eben überhaupt erst verarbeitet werden muss und etwas ganz Schlimmes ist.
Es ist für mich eine Bestätigung, dass es eine richtige Schwangerschaft war. Auch, wenn sie falsch geendet ist. Ich war wirklich richtig schwanger. Mein Körper war im Schwangerschaftsmodus. Wie bei Frauen, die ihr Kind lebendig zur Welt bringen auch. Ein Bestätigung, dass es ein traumatisches Erlebnis war. Dass es so nicht sein sollte.
Das rührt mich. Wirklich. Gerade habe ich eh das Gefühl, dass alle unser Kind vergessen haben. Jetzt so um die Zeit…jetzt sollte der erste Geburtstag sein. ET war auf den 16.02.20 datiert. Irgendwann jetzt wäre die Motte ein Jahr alt geworden. Das ist so krass.
S hat mir schon gesagt, dass er das nicht so emotional sieht. Er weiß es, denkt aber nicht dran. Naja.
Keiner denkt dran. (Wenn ich sage „alle“, „niemand“, „keiner“ dann ist das überzogen und einfach eine Empfindung. es gibt welche, die haben das auf‘ Schirm, danke dafür ❤ !)

S bewegt sich vorsichtig in seinem Stuhl, er will was fragen.
„Und können wir irgendwie unterstützen, dass es natürlich klappt? Gibt es irgendwas, was wir tun können?“

Ich bin total baff über diese Frage. Er macht einfach echt mit. Richtig cool.

Die Ärztin nickt. Ich rechne damit, dass sie sagt, wir müssen auf Ernährung, Bewegung, Schlaf und Nikotinfreiheit achten.

Nix.

Sie nickt, weil sie eine einfache Antwort auf die Frage hat.
„Also vielleicht kann es helfen, nicht mehr auf den Eisprung hinzuarbeiten. Sie sind gut bedient, wenn Sie zweimal pro Woche ungeschützten Verkehr haben. Da Ihre Spermien sehr gut sind, verbleiben diese auch mehrere Tage in Ihrem Körper.“ (sie kuckt mich an) „Manchen hilft das schon, wenn nicht ständig irgendwelche Tests irgendwo rumfliegen und man miteinander schlafen „muss“.“

Ich halte mich zurück. Am liebsten hätte ich gesagt: „Naja, zweimal die Woche wäre mir jetzt etwas wenig.“ Hab ich S dann hinterher gesagt. Er sieht es auch so. Haha.
Natürlich verstehe ich aber, was sie meint.

Dann nochmal für mich die Frage:
„Angenommen wir kommen im Sommer wieder, sofern ich es so lange aushalte, dann wird es eine IVF?“ –
„Ja, genau. Also wenn Sie es nicht bis dahin aushalten, dann kommen Sie natürlich früher. Das geht ja immer. Nur Ihr Zucker sollte eben dementsprechend eingestellt sein. Dazu reden Sie bitte ausführlich mit Ihrer Diabetologin. Bei Ihnen würden wir eine IVF machen, weil eine ICSI nicht notwendig ist. Eine ICSI ist nur notwendig, wenn mit dem Sperma etwas nicht in Ordnung ist. Zu wenig, zu deformiert, so in der Art.“

Ich bitte sie, mir den Unterschied genauer zu erklären:
„Für Sie direkt ändert sich nicht viel. Die Vorbereitung, Stimulation, Punktion und Sperma-Abgabe sind genau das Gleiche. Der Unterschied besteht darin, dass bei einer ICSI das beste Spermium direkt in die Eizelle eingesetzt wird. Also ein Einziges.
Bei einer IVF lassen wir den gesäuberten und aufbereiteten Spermien freien Lauf, so zu sagen. Die Chancen auf eine Befruchtung sind in Ihrem Falle dann sehr gut. Von den Kosten her wissen Sie ja Bescheid, oder? Wenn Sie nicht verheiratet sind, dann kostet Sie das ganze etwa 5000 bis 6000 EUR pro Versuch. Dabei ist der größte Teil tatsächlich die Kosten für die Medikamente. Manche bestellen diese deshalb im Ausland, da kann es etwas günstiger werden. Aber die sind das Teuerste an der Sache.
Wären Sie verheiratet, würde die Kasse etwas 50% übernehmen. Sie können außerdem einen Antrag auf weitere 25% Kostenübernahme stellen. Das wird in den meisten Fällen auch gewährt. Die Voraussetzungen sind allerdings: Sie müssen verheiratet sein, die Frau darf nicht über 40, der Mann nicht über 50 sein. Das ist übrigens in jedem Bundesland anders gehandhabt.“

Hui. Ok. Verstehe. Viele Infos.

Ja. Das war’s dann auch. Wir machen erstmal keine weiteren Termine. S und ich gehen wieder, nach einem wirklich sehr sehr netten Gespräch. Auf dem Heimweg reden wir wegen des Wetters nicht so viel, uns peitscht die ganze Zeit eisiger Wind ins Gesicht, der beißt so richtig.
Die Heimfahrt dauert außerdem ewig, weil die Öffis dann doch jetzt überfordert sind. Statt einer Stunde, brauchen wir über zwei Stunden.

Zuhause reden wir dann erstmal richtig.

Dazu mehr im nächsten Beitrag ❤

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