Competition mode

S und ich haben nach dem Termin, nach dem Planungsgespräch, noch lange gequatscht.

Seine Meinung ist eindeutig und völlig klar: er will bis zum Sommer einfach so probieren, wenn es nicht geht, dann machen wir die IVF.
Ok, gut. Dann sein Einwand: „Aber ehrlich gesagt….also ich bezweifle, dass Du das bis dahin aushältst. Denkst Du, das geht?“

Hmm. Und da haben wir’s nämlich.

Ist es nicht verrückt, dass ich mich nur so semi über die Nachricht freue, dass alles in Ordnung ist? Sollte ich nicht vor Erleichterung Luftsprünge machen?

Joa. Nee. Also klar, ist es toll, dass alles super ist und so, aber das hat meine Gyn vor 6 Monaten auch schon gesagt. „Warten Sie mal noch 6 Monate. Ich denke, es klappt bald. Dann kommen Sie im Januar nicht nur zur normalen Vorsorge sondern zur Schwangerschaftsvorsorge.“
Tjooaaaaa. Pustekuchen. 7 Monate später…immer noch nicht schwanger.

Irgenwie muss ich sagen, wäre es für mich leichter gewesen, hätte es eine Diagnose gegeben. „Sie werden nicht mehr natürlich schwanger, wir müssen da ran.“ Cool. Dann ran da. Endlich ein Problem! Es gibt für jedes Problem eine Lösung!“

Aber für dieses scheint es vorerst keine zu geben. Außer natürlich….das böse G Wort. Geduld. Die hab ich einfach nicht. Nicht mit mir zumindest. Und auch nur begrenzt mit anderen. Und nicht nur die Geduld, bzw. das Fehlen eben genau dieser, schlägt mir ein Schnippchen. Auch mein ständiges Gefühl von Wettrennen. Wettbewerb. Besser, schneller, leichter, lustiger…immer auf der Jagd nach Superlativen.

Ich ziehe blank vor S. : „Weißte. So unangnehm mir das jetzt ist. Aber….ich glaube, das Problem, nee MEIN Problem ist, dass ich stetig diesen „competition-mode“ fahre. Ich sehe alle an mir vorbeirennen. Alle vor mir durchs Ziel.
Alle bekommen Kinder, sind wieder und wieder schwanger, alle außer ich. Ich hab immer das Gefühl, ich müsste einfach noch n bissi mehr machen, quasi n bissi schneller rennen, dann klappt es auch…aber es will einfach nicht. Ich will aber das, was die anderen haben.“

Er nickt. Ja, das habe er auch schon gedacht.

Ich fühle mich wie früher, als 10-jähriges dickes Kind, bei den Bundes-Jugend-Spielen. Während alle anderen schon längst die 10 Runden vollgemacht haben, schon längst durchs Ziel sind, kräpel ich da noch auf der Laufbahn rum. Die anderen sind längst bei der nächsten Disziplin, Kugelstoßen, Weitwurf, Weitsprung und ich….ich keuche noch bei Runde 8, nur noch in Schrittgeschwindigkeit und mit gefühlt 2 Rissen in jeder Lunge. Ich weiß, wo das Ziel ist, wann es zu Ende ist, es ist nicht mehr weit, aber ich falle nochmal hin. Und nochmal. Kurz vor dem Ende, bin ich auch kurz davor aufzugeben.

Bei den Bundes-Jugend-Spielen musste ich bis zur 10. Runde mitmachen. Vielleicht waren es auch nur 5. Mir kams vor wie 100. Ich hab die Runden vollgemacht, ich hab es gehasst. Eine Urkunde hab ich übrigens auch nie bekommen.
Aber ich hab sie beendet, die Runden.
Mit Schürfwunden an beiden speckigen Kinderknien zwar, mit der Brille am unteren Ende der vor Schweiß und Tränen triefenden Nase, das Gesicht feuerrot, augenscheinlich dem Herztod nahe…Das ist einfach unangenehm. Für alle anderen mag der Anblick des kleinen, watschelnden, übergwichtigen Mädchens mit roten Haaren und noch roterem Gesicht zwar zur Belustigung beigetragen haben, für mich war es die Hölle.

Ich hab die Runden vollgemacht. Alle. Für nix.

Lustige Metapher. Auch jetzt mache ich alles. Alles. Für nix. Ich verzichte auf alles, mache alles, was vermeintlich die Empfängnis begünstigen soll.
Trotzdem stehe ich jeden Monat wieder mit Angstschweiß, Erschöpfung, Zornesfalten auf der Stirn vorm Spiegel. Lustig find ich den Anblick nicht. Eher traurig.
Genauso wie ich mich als kleines dickes Mädchen bei den Bundes-Jugend-Spielen traurig gefunden hätte, würde ich mich von der Tribüne aus beobachten. Obwohl ich gleichzeitig denken würde: „Komm, Du hast es gleich geschafft. Nur noch ein paar Meter. Lass Dir keinen Mist erzählen, mach es alles in Deinem Tempo. Du kommst an. Du hast es bald geschafft. Nicht aufgeben!“

Da ist der Satz der Sätze: „Alles in Deinem Tempo.“

Ich denke, genau das ist der springende Punkt. Das muss ich verinnerlichen. Ich weiß nur nicht, ob ich das alleine schaffe oder ob ich mir da Hilfe holen muss. Therapie, Coaching, irgendwas.
Irgendwie muss mir ganz klar werden, dass mein Körper, mein „Geist“, meine Geschichte, so sehr sich alles auch mit anderen ähneln mag, MEINS sind. Dementsprechend brauche ich auch MEINE Zeit, bis alles so weit ist.

„Vielleicht braucht ihr Körper einfach etwas länger“ hat die Ärztin beim Planungsgespräch gesagt.

Jup. Vielleicht. Es ist eben MEIN Körper. Der ist halt so.

Mein Ziel muss, mein Ziel DARF, sich ändern.

Ich darf von „ich will unbedingt ein Kind haben,ich tue alles dafür“ zu „ich will eine Familie, ich will ein Kind, ich will es dann, wenn ich dafür bereit bin“ umschwenken.

Mit 37 ist der Zug noch nicht abgefahren. Ja, gerne hätte ich jetzt schon drei Kinder. Es ist nicht so, weil ich nciht meine Mutter bin. Es ist nicht so, weil ich mein Leben so gelebt habe, wie ich es getan habe und alles seine Konsequenzen hat. Positive und negative.

„Ich möchte ein Kind, wenn ich dafür bereit bin.“

Und ich muss einfach darauf vertrauen, dass dieser Moment kommen wird.

Bitte komm. Bitte komm.

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