Ich muss nichts tun, alles kommt zu mir

So. Weiter im Takt.

Ich teste, obwhol ich erst am Sonntag mit dem Clearblue wieder testen will, am Samstag schon. Wieder mit einem 20er Testamed.
Warum? Weil die TCM-Frau, die ich wirklich toll finde, meinen Puls gemessen hat, das macht sie immer, und gesgat hat, ich solle mal abwarten. Der Puls sei noch sehr kräftig. Ich solle unbedingt positiv denken.
Sie gibt mir außerdem diesmal eine Hausaufgabe. Ein Mantra. Ich soll mich an einem sicheren Ort zuhause jeden Tag 10 Minuten hinsetzen und mir folgendes sagen: „Ich bin am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Alles ist genau richtig. Ich muss nichts tun. Alles kommt zu mir, weil ich es verdient hab.“
Puuuuuh. Das wird schwer. Sag ich ihr auch. Dass ich das schwer finde. Sie sagt „ja, das glaub ich, das passt zu Deinem Typ. Aber weißte ‚fake it til you make it‘. Sag es Dir immer und immer wieder, das macht was mit Dir. Du musst und darfst innerlich ruhiger werden. Gönn Dir das.“
Ich mag sie so gerne. Sie ist so niedlich. Und nett. Und aufmerksam. Sie schafft es tatsächlich, auch mit Akupunktur und Moxa, also Wärmepunktur, mich runterzubringen. Ich fühle mich irgendwie besser.

Und mit diesem neuen Wohlgefühl, kaufe ich dann doch nochmal einen Testamed, 20er Test. Der letzte war ja nu negativ. Der neue. Ja. Der ist wieder positiv. Auch nicht grell leuchtend, aber er ist deutlich positiv. Verrückt.

positiver Testamed

Sonntag morgen. Endlich Clearblue. Hoffen.
Aaaaaaber immer noch 1-2. Maaaaaaaann. Kacke. War mein Eisprung vielleicht einfach viel später als gedacht?

Ich baue auch diesmal den Digi auseinander und sehe kaum eine Veränderung zum vorherigen von vor 3 Tagen. Arrrgh.

Und weil mein Ava Armband sagt, dass der Puls runtergeht, werde ich nervös. Ich sehe wieder etwas schwärzer.

DAS MUSS AUFHÖREN! „Es alles richtig. Ich bin richtig. Ich muss nichts tun, alles kommt zu mir. Ich hab das verdient. Alles wird gut, weil ich es verdient hab. Ich hab es verdient. Alles wird gut. Ich muss nichts tun.“ Ich komme mir blöd vor, sag es mir aber die ganze Zeit brav vor.

Dann kommt’s:

Ich entschließe mich kurzerhand, das Ava Armband, mein treuer Begleiter seit Oktober 2020, mein Befindensindikator, zum Verkauf in meinem Lieblings-Nerd-Forum anzubieten. Tief im Inneren hoffe ich, dass es niemand will. Dass es dann eh noch hier rum liegt, dann kann ich es auch anziehen und weiter kontrollieren.

Aber weit gefehlt. Es dauert keine 15 Minuten. Und am Ende des Tages bringe ich das verpackte Armband schon zur Packstation. Weg isses. Verrückt.
Was mach ich denn jetzt? Muss ich mir neue Tests kaufen?

NEIN!

NICHTS!

Ich warte jetzt einfach, wähne mich im Schwanger sein, bzw. bin einfach schwanger jetzt erstmal und hoffe, die Gyn kann mir das bestätigen.

Abends, vor dem Schalfengehen, der Zeitpunkt, wo ich das Armband eigentlich anlege, bin ich etwas verwirrt. Mir fehlt was in meiner Routine. Mist. Ein kleiner Adrenalinschub kommt auf. Nur miniklein. Ich bin ein echter Junkie. Kontrolljunkie. Schlimm ist das.

Aber ok. Ich hab keinen „Stoff“ mehr. Ich muss jetzt da durch. Kalter Entzug.

Auch am Morgen ist es komisch. Ich fühle mich nicht ganz vollständig. Mir fehlt auch hier der kleine Teil des Datenauslesens in meiner Routine. Wie soll ich denn jetzt wissen, wie es mir heute geht?!?!

Boooooah. Was das mit einem, nee, mit mir, macht. Verrückt. Ich bin froh, dass ich es verkauft hab. Das ist ja schrecklich.

Gut. Abgehakt. Weiter geht’s.

Auf zur Gyn.

Mir ist schlecht. Ich habe Krämpfe und Rückenschmerzen. Das kann alles und nichts heißen. Mutterbänder oder anstehende Mens. Who knows. I don’t.

Endlich da.

Ich muss Urin abgeben. Auf dem Becher steht mein Name und SS für Schwangerschaft. Hihi. Das freut mich.
Ich bin gespannt, was der Urintest hier anzeigt.

Es ist viel los im Wartezimmer. Ich sitze mal wieder zwischen den ganzen eindeutig schwangeren Frauen. Aber irgendwie triggert es mcih wirklich nciht mehr so. Ich bin ja jetzt auch wieder schwanger. Hihi. Ich bin schwanger. Alles ist gut, weil ich es verdient hab. Das Mantra wird immer ein wenig abgewandelt, jenachdem, wie viel Zuspruch ich gerade brauche. Ob das Sinn der Sache ist? Keine Ahnung. Ich mach es einfach so.

Auf einmal werde ich mit meinem Vornamen begrüßt.
Ach Du Scheiße. Da setzt sich eine Dame neben mich, sie ist jünger als ich, bei der ich mal Gesangsunerricht genommen habe, letztes Jahr.
Kacke. Ich bin nicht mehr hin, weil sie Corona für Quatsch hält und auch draußen keine Maske trägt. Deshalb erkenne ich sie auch sofort. Auch in der Praxis, ziwschen den ganzen hochschwangeren Frauen, sitzt sie ohne Maske und grinst mich an. Ich denke sofort „die ist wahrscheinlcih , ziemlich sicher sogar, Privatpatientin. Die dürfen das also„.
Die Vermutung wurde nochmal unterstrichen, als sie nach (zum Glück) nur 5 Minuten schon ins Behandlungszimmer gerufen wird. Dieses System ist so abgefuckt. Wer sich das ausgedacht hat. Meine Güte.

Naja, als wäre es nicht unangenehm genug, ich hatte sie damals einfach nicht mehr für einen neuen Termin angerufen und auch das Online-Angebot nicht wahrgenommen, geht das Gespräch los: „Geht’s Dir gut? Bist du schwanger?“

Wow. You don’t beat around the bush, do you?

Was soll ich sagen? Ich sitze da, Schweißausbrüche, ein leises „ja“ kommt mir über die Lippen. Es gibt so Menschen, die schüchtern mich einfach ein. Die überrumpeln mich so dermaßen mit ihrer Art, dass all meine eigentliche Schlagfertigkeit flöten geht. Aber wie unangenehm kann eine Situation auch sein…. Ich sag’s Euch. Noch viel unangeneher. Sie redet nämlich weiter.
„Geplant?“ Ich antworte „auf jeden Fall. Ich bin schon das dritte Mal schwanger jetzt.“ Ich erinnere mich, dass wir beim Kennenlernen darüber gesprochen hatten. Warum will ich singen? Weil ich glaube, dass mir das bei der Traumabewältigung hilft. Das hat es früher auch immer. Sie weiß also von meinem Spätabort.

Es scheint ihr auch wieder einzufallen. „Oh, na dann drück ich Dir die Daumen. Naja, bei mir war’s ja nicht geplant. Die haben sich hier aber super um alles gekümmert, bin mega begeistert. Heute ist nochmal Nachkontrolle. Tolle Praxis.“

Wow. Sie erzählt mir gerade, wie toll sie die Abtreibung in dieser Praxis findet. Ich kann’s nicht fassen. SSie wirkt richtig euphorisch.

Ich kann nur antworten: „Tja, so ist das bei jedem unterschiedlich.“

„Hattest Du auch so mit Übelkeit in Deinen Schwangerschaften zu kämpfen? Ich ja total. Wie sich der Körper sofort verändert. Das macht schon was mit einem, findest Du nicht?“

WOOOOOOOOOOOOOOOOOOW. Ich kann einfach nix sagen. Ich nicke die ganze Zeit nur und hoffe, dass mein oder ihr Name aufgerufen wird.

Ihrer wird zum Glück aufgerufen und sie sagt noch: „falls wir uns gleich nicht mehr sehen, alles Gute und viel Glück.“

Ja, halt die Fresse, bitch. „Dir auch, alles Gute.“

Sie begrüßt die Ärztin mit einer schrillen hohen Stimme, also würden sich zwei sehr gute Bekannte treffen. „Haaaaaaaallooooooooooooooooo. Mir geht’s suuuuper.“ Dann fällt die Tür zum Glück zu.

Boah, ich schwitze. Wie bekloppt. Boooah. Hoffentlich muss ich sie gleich nicht wieder sehen.

Aber doch. Muss ich. Sie kommt breit grinsend aus dem Behandlungszimmer, zwinkert mir zu, nickt bestätigend und zeigt mir den Daumen hoch. Ich ziehe die Augenbrauen hoch und nicke.

Dann wird endlich mein Name aufgerufen und ich husche schnell an ihr vorbei.

Nicht falsch verstehen. Ich finde es total super, dass Frauen sich mittlerweile selbst aussuchen dürfen, ob sie Kinder bekommen möchten oder nicht. Ich verurteile keine Frau, die sich dagegen entscheidet. Überhaupt nicht. Ich finde ihre Art einfach scheiße. Sie findet sich selbst so geil. Und sie wirkte eben so, als sei sie richtig froh, dass sie jetzt erzählen kann, dass sie abgetrieben hat. So wie andere ganz stolz erzählen, dass sie schwanger sind.

De Mensche sei wey de Leu. Hahaha. Ich übersetze mal für die, die nicht von dem Dorf kommen, in dem ich aufgewachsen sind: Das heißt so viel wie, Menschen sind unterschiedlich. Haha. So in etwa.

Was für ein Start….

Dann endlich Ultraschall. Einen Urintest haben die nicht mehr gemacht, weil ich ja Zuhause einen gemacht hab und der positiv war.
Oooookeeey.

„Die sind mittlerweile so gut, da müssen wir das hier nicht nochmal machen.“
Oooookey.

Jetzt Ultraschall.

„Man sieht leider wirklich noch gar nix. Hier könnte man was eraaaaahnen. Aber wirklich sehen kann man leider noch nix.“

Sie kuckt sich noch die Eierstöcke an, soweit der darüberliegenden Darm das zulässt. Sie beruhigt mich schonmal und sagt: „für eine Eileiterschwangerschaft kann ich jetzt erstmal keine Indizien finden. Also das würde ich bis dato ausschließen.“

Das find ich schonmal super.

„Ziehen Sie sich erstmal wieder an.“

Das war’s schon? Oh maaaaann. Ich will doch Antworten haben.

Sie sagt dann, dass der ß-hcg Anstieg im Blut jetzt geprüft wird. „Heute und Donnerstag nehmen wir mal Blut ab und schauen, ob sich der Wert entsprechend erhöht.“

Es ist so, dass in der Frühschwangerschaft, das ß-hcg sich alle 48 – 72 Stunden verdoppelt.

„Ich hoffe, dass wir Ihnen Freitag dann schon was sagen können, manchmal braucht das Labor aber länger und es kann sein, dass wir die Ergebnisse erst nächste Woche haben. Ich bin Freitag nicht hier, sage meiner Kollegin aber Bescheid, dass sie Sie anruft, wenn die Ergebnisse vorliegen. Ist das ok für Sie?
Sagen Sie das MRT in jedem Fall erstmal ab. Am Dienstag kommen Sie dann bitte nochmal zur Untersuchung vorbei.“

Ich werde noch krankgeschrieben, weil ich einfach auch echt durch bin im Kopf, sie meint, das sei jetzt erstmal besser. Etwas Ruhe reinbringen.

Beim Rausgehen ruft sie mir noch hinterher: „Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen. Wir schauen mal. Machen Sie sich erstmal keine Sorgen, auch wenn das schwer ist. Am Anfang kann man einfach noch nicht wirklich viel sagen.“

Sie ist so nett. Ich mag sie sehr gerne.

Ich gehe raus, bin etwas beruhigt. Ich komme an einem dm vorbei und überlege eine Millisekunde, naja, vielleicht auch eher meherere Minuten, ob ich mir nochmal ein, zwei, vierzehn Tests hole.

NEIN!

Ich bleibe stark. Ich warte.

Es ist alles gut. Es ist alles richtig. Ich muss nichts tun. Alles kommt zu mir. Weil ich es verdient habe.

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