Nicht drei, eine

„Wir haben den Wert von gestern. Er liegt jetzt bei 29, ist also weiter gesunken. Es ist leider ein Abort.“

Gut. Dann ist es jetzt wenigstens eindeutig. Ich bin fast schon erleichtert. Die letzten Tage waren so anstrengend, dass ich irgendwie froh bin, dass es jetzt ganz klar, wenn auch vorbei, ist.

Natürlich bin ich trotzdem sehr traurig. Aber weil ich gestern schon so viel geweint hab, fehlen mir heute die Tränen irgendwie. Naja, zumindest kurzzeitig. Der Tank wird schnell wieder aufgefüllt und entleert sich dann im Gespräch mit S wieder.

Dazu später mehr.

Zunächst mal, mach ich jetzt noch den neuen Termin fürs MRT. Auch, wenn ich gestern eigentlich schon hätte anrufen können, weil mit einem HCG von 58,6 bei 4+5 auch nicht wirklich viel zu holen ist, hoffe ich doch immer noch auf dieses Wunder, wovon einige sprechen. Ich kann es auch nicht lassen, wa.

Egal. Das Wunder geschieht diesmal logischerweise nicht. Also, MRT. Der Termin ist schnell gemacht, die Frau am Telefon ist super nett, das brauch ich heute. Schön.

Gut. Dann sag ich meiner Akupunkteuse, dass ich nun offiziell meine dritte Fehlgeburt habe. Sie bietet mir an, vorbei zu kommen, um mich zu „supporten“, sagt sie. Ja, super. Das mach ich.
Sie will mir ja auch an Tag eins oder zwei des neuen Zyklus Nadeln setzen, um die Ausscheidung der gesamten Schleimhaut zu unterstützen, so dass der neue Zyklus wirklich ganz neu beginnen kann. Klingt spannend. Mach ich auf jeden Fall.

Aber jetzt erstmal der „Abgangssupport“.

Ich fahre also hin, sie lässt mich, eigentlich wie immer, 10 Minuten warten. Wir reden kurz, sie checkt Puls und Zunge und sagt dann „Du bist ganz schön müde, oder?“ – „Ja, ich bin total erschöpft. Es war sehr anstrengend. Auch, durch die Belastung der Beziehung. Mein Partner und ich hatten vorhin noch ein ernstes Gespräch, das schlaucht dann doch schon. Und der Verlust natürlich auch. Auch weit mehr, als ich dachte, ich konnte mich ja quasi drauf vorbereiten. Aber diesmal war es sehr schwierig.“

„Du hast ja am Telefon gesagt, dass Du jetzt Deine dritte Fehlgeburt hast. Das hast Du nicht. Du hattest eine.“

Ich nicke. Langsam. Aha. Danke für die Aufklärung. Ich bin gespannt, was noch folgt. „Du hattes eine Fehlgeburt 2019. Das jetzt im Dezember und diesen Monat sind natürliche Vorgänge. Die meisten Frauen bekommen es nicht mit, Du schon. Aber es ist ganz normal.“

Ich bin zu erschlagen, zu müde um ihr zu erklären, dass ab dem Moment, wo der zweite Strich auf dem Test zu sehen ist, sich das Leben mehr oder weniger verändert.
Dass sofort die Tür für eine Zukunft aufgeht, für die ich so lange den Schlüssel gesucht habe. Dass sofort, mit diesem zweiten Strich auf dem Test, der Körper sich verändert, auf „MamaModus“ stellt. Dass der zweite Strich bedeutet: „Du bist schwanger. Du bekommst ein Kind.“ Zumindest so generell. Und ja. Ich kenne den Unterschied zwischen dem Spätabort und den beiden kürzlichen Frühaborten, bzw. spontanen Aborten. Dennoch sind alle drei Aborte. Also übersetzt: Fehlgeburten.
Alle drei waren angezeigte Schwangerschaften. Für alle drei habe ich Glückwünsche bekommen, sobald ich es erzählt habe. Für alle drei kenne ich den Entbindungstermin. Für alle drei habe ich mir in meinem Kopf die nächsten Monate und Jahre vorgestellt.

Ganz egal, ob sich die medizinischen Begriffe im Erstteil unterscheiden.

Sie betont es mehrfach. Ich bin einfach zu müde, ihr zu eklären, dass es leider etwas unsensibel ist. Mir ist sofort klar: ok, sie hat es definitiv noch nicht erlebt.

Wieder sieht es so aus, dass ich mit meinem Emfpinden nicht richtig ernst genommen werde. Wieder überkommt mich das Gefühl, dass ich übertreibe. Es ist alles gar nicht so schlimm ist, wie ich tue. Es war eben nur die natürliche Auslese. Das ist total normal. Kein Grund, traurig zu sein. Aber ich bin zu müde. Ich kann mich nicht wehren, nicht verteidigen, nicht erkären.

Es soll sicher ein Trost sein.

Trost. Auch so ein Thema. Was soll denn dieses ganze Trösten?

Ich will nicht getröstet werden. Ich will den Schmerz fühlen dürfen. Ich will, dass es in Ordnung ist, dass es weh tut. Es tut weh, so lange es weh tut. Ich brauche niemanden, der mir etwas sagt, was mir das Gefühl gibt, es sei alles gar nicht so wild. Es sei doch alles ok.

Nee, brauch ich nicht, will ich nicht. Trösten bringt meist nur der tröstenden Person etwas. Sie fühlt sich dadurch besser. Als hätte sie es geschafft, dass der Schmerz der zu tröstenden Person wie weggeblasen ist. Zauberei. Dank mir! Ich bin schon ne coole Type!

Ich brauche meinen Schmerz. Ich brauche keinen Trost. Alles muss raus! Wenn es weh tut, raus damit!

Trost hilft mir nicht, mit einer emotional schwierigen Situation fertig zu werden. Sie macht die Situation nicht weniger schwer für mich. Trost soll meine Empfindungen überdecken. Trost ist wie einen Teppich auf den dreckigen Boden legen, damit man die Krümel nicht sieht. Es ist nicht das Gleiche, wie den Boden zu putzen.
Es hilft mir nicht. Mir hilft es, richtig durchzuwischen.
Die Emotionen komplett zu zu lassen.
Ich brauche keinen Teppich. Ich brauche einen Besen, einen Mop, einen Staubsauger, vielleicht sogar Hochdruckreiniger.
Ich brauche Anerkennung.
Anerkennung dafür, dass manche Dinge schwer für mich sind, auch, wenn sie es für Dich vielleicht nicht sind. Die Anerkennung dafür, dass ich eine harte Zeit durchmache, auch, wenn Du es nicht verstehen kannst. Die Anerkennung dafür, dass ich Emotionen habe und diese auch zulasse.
Die Anerkennung dafür, dass ich gerade zum dritten Mal die Zukunft verloren habe, die ich mir so sehr wünsche. Für die ich mein Leben und meine Beziehung hinten anstelle. Für die ich den Großteil meiner Energie aufwende. Ob das richtig oder falsch ist, gilt es hier nicht zu bewerten. Zumindest nicht von Außen. Das entscheide ich selbst.

Und wieder hat es nicht geklappt. Wieder ist all die Anstrenung „umsonst“ gewesen. Wieder ist ein Monat vorbei, in dem es sich nicht gelohnt hat, Progestan zu nehmen, dafür seit fast 2 Wochen keinen Sex mehr zu haben. Progestan wird vaginal eingeführt und dadurch ensteht „Pudding“, wie ich es gerne nenne. Das macht Sex mehr als unangenehm. Wir haben es probiert. Nicht schön.

Wieder ein Monat, der ein Monat von vielen ist. Nicht der Beginn davon, dass diese stetige Unsicherheit in neun weiteren Monaten ein Ende hat und wir endlich unsere kleine Familie haben. Und ja, mir ist auch klar ,dass die Angst mit der Geburt eines gesunden, lebendigen Kindes nicht aufhört. Aber mir geht es um die Ängste in der Schwangerschaft.

Es belastet unsere Beziehung sehr.
S will nicht mehr. Er würde am liebsten das Projekt „Familienplanung“ abschließen. Er sagt, er hält es kein Jahr mehr so durch. Ich verstehe ihn. Ich denke, ich schaff das auch nicht. Nicht auf dem Level.
„Es ist immer zwei Wochen alles soweit ok, dann, ab Eisprung, bist Du ein anderer Mensch. Du bist abwesend, machst nix mehr, weil Du ja schwanger sein könntest, fängst an zu Testen, bist frustriert, freust Dich, bist irgendwie nur mit Dir und Deinen Vorstellungen beschäftigt.“

Ja. Er hat recht. Es gibt seit einem Jahr, mehr als einem Jahr, wenig anderes, auf das ich mich konzentriere. Mein Blutzucker noch, ja.
„Du hast gestern selbst gesagt, dass Du keinen Nerven mehr hast. Ich versteh auch, dass Du das jetzt nicht einfach abhaken kannst, aber das tut uns so nicht gut. Und ich bin lieber mit Dir zusammen, als alles für ein Kind aufs Spiel zu setzen.“

Ja. Ich vestehe ihn. Und ich finde es super, dass er so offen ist. Ich sage erstemal ne ganze Weile nix, lasse ihn reden. Ich unterbreche ihn nicht, werfe nix ein, kommentiere nix. Er ist dran. Raus damit!

Er hat Angst, dass wir das nicht überstehen. Als Paar. Er muss zwar nicht ständig zu Ärzten rennen, aber es ist für ihn auch schwer. Es gibt eigentlich nur noch das Thema. Und er will das nicht mehr.

Versteh ich total. Ich will das so auch nicht mehr.

„Ich würde auch sagen, wir lassen keine weitere Diagnostik machen. Am Ende kommt eh nix bei raus oder es führt nur dazu, dass ich wieder ständig irgendwo hinrennen und kontrollieren lassen muss. Ich will nicht mehr.“

Er ist erleichtert, dass ich das sage. Ich gehe noch weiter: „ich würde auch sagen, dass wir im Sommer nicht in die Kinderwunschklinik gehen. Wir machen keine IVF. Wenn das schief geht… ich glaube, das verkrafte ich nicht.“

Bestätigend nickend sagt er mir, dass er auch glaubt, dass das alles zum abosluten Überlaufen bringen würde. Klar, kann es auch klappen. Aber „wir sind beide gesund. Das haben nun mehrere Ärzte gesagt. Und Du bist erst 37. Wir haben eigentlich noch einen Moment Zeit, es zu probieren. Es hat schonmal geklappt, weitestgehend. Du wirst schwanger. Natürlich müssen wir irgendwann die Reißleine ziehen. Ich kann das, wie gesagt, kein Jahr mehr so. Aber ich weiß auch nicht, wie wir das jetzt entscheiden wollen. Du wirst unglücklich, wenn wir jetzt aufhören. Wenn wir aber sagen ‚ok, wir probieren es noch 5 oder 7 oder 8 Mal, danach ist Schluss‘, dann sind die nächsten 5 oder 7 oder 8 Monate genau so wie die letzten 14. Und ich hab dadrauf keinen Bock mehr. Das ist wie so eine Glocke über unserer Beziehung, aus der wir nicht rauskommen.“

Ich nicke. Ich verstehe ihn. Ich kann nichts Entkräftendes sagen. „Aber wie würdest Du denn vorgehen jetzt?“ – „Ich weiß es nicht. Aber das müssen wir ja auch nicht heute entscheiden.“

Hmm. Ja.
Ich weine viel. Weil ich weiß, dass ich „das Problem“ bin.
Er macht alles mit. Er will mir ein Kind schenken, er will eine Familie mit mir gründen. Seit einem Jahr steckt er zurück, damit ich glücklich werde und wird dabei selbst immer unglücklicher.
Wir müssen erstmal aufhören zu reden, weil ich zur Akupunktur will.
Am Abend, als ich zurückkomme, sage ich ihm noch, dass ich mir fest vorgenommen habe, das Thema nicht so im Vordergrund hängen zu lassen. Dass ich nciht versprechen kann, wie gut es klappt. Dass ich mich sehr bemühe. Dass ich ihn verstehe und dankbar für seine Offenheit bin, dass ich weiß, dass es an mir liegt, wie die nächste Zeit, unsere Zukunft, aussieht.

Und ja. Ich meine es ernst.
Ich brauche eine Pause. Ein Pause von der Zukunft. Eine Pause von Angst, Hoffnung, Verzweiflung. Eine Pause vom forcieren. Ich fühle mich erleichtert, dass wir uns gemeinsam gegen weitere „Assistenz“ entschieden haben. Es ist eine wichtige Entscheidung. Und ich hoffe, dass ich sie auch in 3 Monaten noch so vertreten kann.

Wie genau ich den Druck jetzt rausnehmen kann, weiß ich nicht. Ich will nicht auf Sex vezichten, ich will aber auch nicht „Terminsex“ haben. Ich will, dass es so ist, wie im April 2019. Im April 2019 haben wir angefangen, „es“ zu versuchen. Im Mai habe ich meine Mens bekommen und es war nicht schlimm. Gar nicht. Im Juni hab ich dann fett positiv getestet.

Ich will, dass es so ist wie im April 2019. Obwohl nichts so ist, wie im April 2019. Gar nichts.

Mir fehlt unsere Tochter. Mir fehlt sie in meinem Bauch, mir fehlen die Träume über die Zukunft mit ihr. Immer noch. Und immer wieder. Und das ist ok.

Nichts ist wie vorher. Und trotzdem darf es nicht so bleiben wie jetzt.

5 Kommentare zu „Nicht drei, eine

  1. Das ist wirklich sehr unsensibel von der Akupunkteuse und hilft einfach gar nicht. 🙁 es tut mir sehr leid, die neuen Entwicklungen zu lesen, auch die Belastung der Beziehung finde ich extrem gut nachvollziehbar. Ich drücke die Daumen, dass ihr einen Weg findet, der für euch beide passt.

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  2. Also erst einmal plädiere ich dafür den Titel zu ändern in: Nicht eine, sondern drei!
    Ich hatte selbst 4 „richtige“ Fehlgeburten und eine biochemische Schwangerschaft und weiß immer nicht, wie ich von der eigentlich 5. Fehlgeburt sprechen soll. Ich tu es gerade schon wieder und schreibe „eigentlich“. Es wird einem immer wieder gesagt, dass es sich dabei um keine richtige Fehlgeburt handelt. Ja, ich habe mich nur ein paar Tage oder eine Woche schwanger gefühlt. Ja, ich hatte keine Operation und ja ich konnte direkt in den nächsten Zyklus starten. Aber die Enttäuschung, die vernichteten Träume, Wünsche usw. waren da und taten trotzdem weh.
    Es tut mir sehr leid, dass Du das jetzt gerade (schon wieder) durchmachen musst. Ich hatte sehr gehofft, dass sich Deine Werte verbessern und diese Schwangerschaft (Ja, es IST eine richtige Schwangerschaft) sich positiv entwickelt.
    Tu Dir etwas Gutes am Wochenende, was nichts mit Schwangerschaft zu tun hat. Trink Wein, setz Dich in die Badewanne oder mach einen langen Spaziergang in der Sonne. Ich drück Dich!

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    1. AMEN! Danke Liebes ♥️
      Wir machen uns gerade fertig und gehen spazieren, danach holen wir uns ein Stück Kuchen! Scheiß auf meinen Blutzucker! Der darf heute Mal ausscheren….

      Mir geht’s heute zum Glück schon besser🙏

      Und ja, du darfst das „eigentlich“ weglassen. Und es ist furchtbar, dass du das fünfmal durchmachen musstest. Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass es dabei bleibt, dass du beim nächsten Mal dein lang ersehntes und verdientes Happy End auf deinem Blog teilen darfst🍀🤗♥️

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