Was ist hier los – Teil 2

Freitag, 23.04.21

Wir frühstücken also. Ich habe S vorhin von dem positiven Frühtest erzählt.

„Naja, so weit waren wir ja schon öfter.“

Dabei soll es nicht bleiben.

Was jetzt folgt, ist der Streit zwischen S und mir. Und ich möchte betonen:
Er ist ein toller Mensch. Er ist liebevoll und hat das Herz am rechten Fleck, wie man so schön sagt. Wenn ich das hier aufschreibe, ist das logischerweise komplett aus meiner Sicht. Ich halte meine Meinung ja für richtig, meine Argumente für die richtigen und ordne seine Reaktionen so ein, wie ich es in einem gereizten Moment eben tue. Seine Meinung ist wichtig und es gibt nicht wirklich ein richtig und falsch. Es ist hoch emotional. Es geht ja um eine Familie. Um die Zukunft. Ich habe den Streit auch nciht gefilmt oder aufgenommen, also gebe ich hier meine Erinnerung wieder. S würde dieses Gespräch sicher ganz anders erzählen.
Und trotz der mittlerweile häufigen Streits liebe ich diesen Mann und freue mich, mit ihm eine Familie zu gründen.

Amen.


Wir quatschen ein bißchen rum. Ich zeige ihm den Test. „Kuck, sieht ganz gut aus für ES+10!“
„Ja, keine Ahnung. Wieso testen wir eigentlich wieder so früh? Wir hatten doch besprochen, nach letztem Mal, dass wir das nicht mehr machen. Aber das scheint ja keine Bedeutung zu haben.“

Da platze ich. Und zwar richtig.

„WIR? WIR machen hier gar nix, außer bumsen. Sonst rein gar nix! Und, um Deine Frage zu beantworten, ICH teste so früh, weil ICH Progesteron und ASS nehme, wenn der Test positiv ist, damit ICH meine Chancen auf ein Kind vergrößere.“

Dann kommt von ihm, dass seine Meinung scheinbar nicht wichtig ist, dass wir das immer anders besprechen würden, dass das aber anscheinend egal sei. Sowas in der Art.

„Ich will nur nicht, dass Du wieder in so ein Loch fällst, wenn es dann doch nicht klappt, das ist für mich auch schwer. Und ich find’s halt Quatsch jetzt die ganze Zeit so zu tun, als ob alles gut geht diesmal.“

Ich hole tief Luft, weil jetzt reicht’s mir wirklich. Also so richtig wirklich. Ich hab die Schnauze so dermaßen voll.

„Ok….puh….also in welches Loch falle ich denn? Ich bin drei Tage nicht gut drauf, ja. Da musst Du durch. Da muss ich im Übrigen auch durch.
Aber ich falle doch in kein Loch!
Ich gehe arbeiten, esse normal, lache, rede mit Dir, mach meine Hunderunden, alles wie immer.
Ich bin nur einfach dann etwas traurig und nicht so richtig super-gut drauf. Das bin ich auch, wenn ich nicht teste und meine Mens bekomme. Und ja, das letzte Mal ging’s mir schlechter, weil es einfach an den Nerven zehrt. Wir haben „das letzte Mal“ schon mehrfach besprochen. Ich hab gesagt, dass ich zu dem Zeitpunkt das und das und das nicht will, weil ich nciht weiß, ob meine Nerven das mit machen, dass es aber im nächsten Zyklus wieder anders sein kann. Das hab ich so betont. Mehrfach so betont. Diese Kinderwunschscheiße ist eben nicht einfach. Es geht auf und ab und auf und ab. Und wenn WIR vielleicht öfter drüber reden würden, würdest du das auch mitbekommen, es könnte vielleicht sogar für alle etwas einfacher sein. Aber ich bin den ganzen Zyklus alleine. Um die 28 Tage bin ich mit dem ganze Mist alleine. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der Test entweder positiv ist oder wir wegen der Periode gerade keinen Sex haben können. Wenn ich sonst mit dem Thema anfange, bist du schlecht drauf oder überfordert oder was auch immer.
Sollte es diesmal wieder nicht klappen, will ich von Dir hören, ob Du eine Familie mit mir gründen willst oder nicht. Ganz deutlich will ich es hören.
Es geht mir so mega auf den Sack. Ständig hab ich das Gefühl, ich tue Dir was Schlimmes an, quäle Dich, mach Dich unglücklich. Das ist total beschissen. Ich dachte, WIR wollen ein Kind bekommen. Aber es bin ich. Ich will das. Du nicht. Oder doch? Oder wie? Wer weiß…
Und ganz ehrlich, solltest DU seit zwei Jahren in einem tiefen Loch stecken, dann musst Du mir das sagen. Das ist ja auch nicht Sinn der Sache. Aber ich kann’s nicht riechen. Dann musst Du Dir überlegen, wie Du es schaffst, mir das zu sagen.
Mir reicht’s echt. Ich bin so genervt von der immer wiederkehrenden Diskussion. Ich sage Dir nicht, dass Du jetzt überglücklich und völlig aus dem Häuschen hier durchs Haus tanzen sollst, weil wieder ein Test positiv ist. Du darfst Angst haben, dass es wieder schief geht. Das hab ich auch. Das ist doch klar. „

„Aber was soll ich denn machen oder sagen? Es ist doch egal was ich sage, es ist anscheinend falsch. Was willst Du denn von mir hören?“

„Oh Mein Gooooott. Ich WILL gar nix hören. Ich wünsche mir einfach, dass Du, statt direkt mies drauf zu sein, einfach etwas Interesse an der ganzen Sache zeigst. Statt das wieder abzuschwächen und runterzuspielen und genervt zu sein, statt sich bloß nicht zu früh zu freuen, könntest Du mich fragen, wie weit ich überhaupt bin. War es das letzte Mal am gleichen Tag der gleiche Strich? Warum ist das überhaupt wichtig? Wie sollte der Strich jetzt sein? Wie sollte er sein, wenn alles ok ist? Wann wäre ist der nächste Test dran? Wann wäre der Gyn-Termin?
Sowas.
Aber nee. Nach 16 Monaten (!!!!) weißt Du immer noch nicht, was Du wie finden sollst, was Du wie sagen sollst, wie Du Dich verhalten sollst. Nach über einem Jahr! Obwohl wir uns immer wieder genau deshalb zanken. Alles was kommt ist ein deprimiertes Gesicht, genervt eher, was mir ganz klar signalisiert, dass Du auf das Thema überhaupt keinen Bock hast. Wir bumsen aber regelmäßig! Du legst es doch drauf an! Das geht oder wie? Aber von dem Rest willst Du nix wissen, willst an dem Weg selbst nicht beteilitg sein? Oder wie?
Soll ich Dir vielleicht erst bei der Geburt Bescheid sagen? Ist Dir das lieber? Kann aber sein, dass es dann trotzdem noch schief geht.“

Ja ok, das war etwas übertrieben vielleicht von mir. Aber I TOTALLY LOST IT!

„Ganz ehrlich, DAS, also das hier jetzt gerade, das belastet mich mehr als alles andere. Die Abgänge sind furchtbar, das nicht schwanger werden ist zum kotzen, aber DAS HIER! Dass wir nicht an einem Strang ziehen, dass wir uns jeden Monat wieder fetzen müssen, weil es um UNSERE Familie geht, DAS macht mich am meisten fertig. Und ganz ehrlich, darauf hab ich keinen Bock mehr.
Ich hab mich entschieden. Schon vor zwei Jahren eindeutig entschieden. Ich will ein Kind, ich will eine Familie. Und ganz ehrlich, wenn Du das nicht willst, dann müssen wir uns was überlegen, weil ICH will das. Und wenn Du nicht weißt, was Du willst, dann kannst Du meinen Weg gerne mitkommen, ich hab Platz, aber garantiert werde ich hier nix aussitzen und einfach warten, bis es zu spät ist.
Und mal im ernst, wenn Du Dir nach dem ganzen Scheiß immer noch nciht im Klaren bist, ob Du eine Familie mit mir gründen willst, dann weiß ich auch nicht. Dann kann ich Dir nicht helfen.

Wie gesagt, SOLLTE das jetzt schief gehen, erwaret ich eine Entscheidung von Dir. Und zwar ganz deutlich.
Wie gesagt, wie schon mehrfach gesagt, es ist bei uns eben nicht so easy, wie bei 60% der Menschheit. Zumindest scheint es so. Zumindest haben wir eine echt beschissene Vorgeschichte, was dieses Schwanger werden angeht. Es hst nicht mehr nur was mit Romantik und Liebe zu tun. Es ist auch ein Kampf und mit Angst durchsetzt. Das ist UNSERE Geschichte. Das müssen WIR akzeptieren und dann entscheiden, wie WIR damit umgehen. Aber bisher habe nur ich mcih entschieden, wie ich damit umgehe. Du nicht.
Und es geht mit mir nicht so easy -lock-ach-irgendwann-klappts-bestimmt. Ich bin 37, keine 23. Meine Uhr tickt.Laut. Wir MÜSSEN an einem Strang ziehen! Wenn Dir das zu blöd ist, dann bin ich zu alt für Dich und will zu viel. Dann passen wir nicht zusammen.“

So. Da war noch viel kleines Zwischendurch. Ich kriegs nicht mehr zusammen. Aber das ist wohl die Quintessenz. Und ja, ich habe wirklich mal wieder den Großteil geredet. Aber ich weiß auch, was ich will. Und ich weiß auch nach 16 Monaten genau was ich will.

Ich will vor allem jetzt eine Hunderunde machen.

Damit die Gemüter sich abkühlen können, lass ich mir etwas mehr Zeit. Er muss noch zu seiner Oma, ihr was helfen, und lässt sich da auch besonders viel Zeit.
Wir sehen uns mehrere Stunden nicht und das ist auch gut so.

Er kommt nachhause, nimmt mich in den Arm, entschuldigt sich und sagt, er habe es verstanden.
Ich entschuldige mich, dass ich so laut geworden bin.

„Ich liebe Dich.“

„Ich liebe Dich.“

tbc

5 Kommentare zu „Was ist hier los – Teil 2

  1. Diese Zeit ist zermürbend und einfach furchtbar anstrengend. Aber nicht nur für Dich. Das darfst Du nicht vergessen, auch wenn wir Frauen immer die ganzen Medikamente nehmen müssen, testen und damit auch immer als erste mit Freude oder Enttäuschung umgehen müssen.
    Ich war froh als ich gelesen habe, dass ihr euch am Ende vertragen habt. Manchmal können die Männer nicht mehr machen als unsere Launen zu ertragen, aber auch das ist schon ne ganz schöne Bürde 😉

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    1. Lieben Dank 🙏❤️
      Ja, ich wär ja nicht mehr mit ihm zusammen, wenn ich ihn nicht berücksichtigen würde…mich nervt halt einfach diese Passivität, dieses Desinteresse bei dem Thema…eins der wenigen, was wir eigentlich nur zusammen lösen können.

      Und Launen sind ja eine Sache, aber ein gemeinsamer Fahrplan in puncto Familienplanung sollte schon da sein und durch mein Alter eben auch wirklich da sein. Ich weiß, ich kann auch mit 42 noch schwanger werden, aber es wird nicht leichter.
      Und ich erwarte von ihm nach der ganzen Zeit einfach eine klare Ansage, wie auch immer die aussieht.
      Ich will nicht immer alles interpretieren müssen, das führt dann nämlich zu den ganzen Zankereien.

      Aber am Ende finden wir ja doch immer wieder zusammen🤗🥰

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      1. Es klingt aber nicht so als ob ihr diesen Fahrplan nicht hättet, sondern nur als ob Du Dir mehr Unterstützung wünschen würdest. In der Phase ist das für Männer aber einfach schwierig.
        Hauptsache ihr findet aber am Ende immer wieder zusammen ❤

        Gefällt 1 Person

  2. Oh Mann, das war ja wirklich ein belastender Tag! Ihr Armen! Es ist soooo schade, dass ihr euch nach der ganzen Kinderwunschzeit nicht mal mehr über den positiven Test freuen könnt… aber ich verstehe das total. Du hast es (ihm) super erklärt.

    Und nur zur Beruhigung: Wir hatten diese Woche einen Streit über die Entwicklung unseres Knipses und mein Mann sagte:
    „Sag mir einfach was ich tun soll…“ obwohl ich vorher deutlich gesagt habe, dass ICH bei diesem Punkt total überfordert bin und nicht weiter weiß und seine Meinung dazu will… glaube das ist echt so ein typischer Männersatz. 🙄

    Ich drücke die Daumen, dass ihr auch bald über Erziehung streiten dürft! LG

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    1. Danke du liebe ♥️
      Diese Passivität….bloß nix falsch machen wollen…aber das Risiko müssen doch beide eingehen.
      Aaaach…aber das gehört wohl alles dazu.

      Ich wünsche euch ganz viel Kraft und Nerven 🙏

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