Übel

….endlich. Endlich komme ich dazu, die letzten 3 Wochen aufzuschreiben.

Warum nicht früher? Naja, natürlich wie immer viel Arbeit. Dann zusätzlich noch viel Übelkeit. Also richtig viel. So schlimm, dass ich kaum vor einem Bildschirm sitzen kann. So schlimm, dass ich kaum liegen kann. So schlimm, dass ich nicht denken kann.

Aber von vorne:

Die Wartezeit vom ersten Ultraschall bis zum zweiten, ganzen 18 Tage, zieht sich wie Gummi. Richtig schlimm.

In dieser Gummiphase sind meine Brüste locker ums doppelte angeschwollen und fühlen sich an, als hätte mir jemand mit einem Stock drauf gehauen. Aua. Echt. Aua. Und schwer sind se…Hilfe….
Es gesellen sich außerdem noch Zahnschmerzen und Zahnfleischprobleme dazu, ein kurzer Besuch bei meiner Zahnärztin verhilft aber schnell Linderung. Täglich mit Wasserstoffperoxid spülen, die ollen Füllungen wechseln wir nach der Geburt aus, da ist erstmal so nix zu sehen.

Die erwähnte Übelkeit ist ein täglicher Begleiter. Nicht nur morgens, nicht mittags, nicht abends. 24/7 ist mir schlecht. Wenn ich was esse, wird es kurzzeitig besser. Aber an sich. Boah. Es ist wirklich wirklich wirklich dolle.
So sehr ich mir eigentlich wünsche, dass es weniger wird, so viel Angst hab ich auch davor. Denn die Übelkeit zeigt mir, dass noch viele Hormone in Gange sind, was vermuten lässt, dass das Baby sich weiterentwickelt. Genau weiß man das natürlich nicht, aber es beruhigt mich irgendwie.
Jeden Morgen nehme ich meine Brüste in die Hand um zu testen, wie weh sie tun. Tun sie nicht mehr so sehr weh wie am Tag zuvor, konzentriere ich mich auf die Übelkeit.
Skala von 1 bis 10. Wie schlimm? 7? Gestern war es eine 9. Verdammt!

Meist ändert sich die Intensität der Schmerzen und der Übelkeit über den Tag, so dass ich schlussendlich doch irgendwo bei 9 lande.

Verrückt. Übelkeit und Schmerzen. So beruhigend. Aber wer’s kennt, weiß, dass es kaum anders geht.

Am Tag des zweiten Ultraschalltermins, bei 7+5, beruhigt mich gar nix mehr. Mir ist unfassbar schlecht, ich muss ständig zur Toilette, bin übertrieben aufgeregt. Ich muss alleine hin, S muss arbeiten und darf eh nicht mit rein.

Puh…Meine Beine sind wie Pudding. Ich atme tief ein und aus, mit und ohne Maske. Egal. Ich muss atmen. Das hilft zum einen gegen die Übelkeit, zum anderen gegen die Aufregung. Also es zaubert nichts weg, aber beides ist besser auszuhalten, wenn ich tief ein- und ausatme. Kann ich also nur empfehlen. Ein durch die Nase, kurz halten, aus durch den Mund. So richtig schieben. Wirkt Wunder.

Ich bin viel zu früh dran und schon 20 Minuten vor meinem Termin in der Praxis. Es ist nix los. Das ist gut, vielleicht komm ich schnell an die Reihe. Ich muss Urin abgeben, auf meinem Becher steht mein Name und „SS“. Das freut mich. Das heißt, dass der Urin einer Schwangeren überprüft wird. Von mir. Ich bin nämlich schwanger.

Nach 10 Minuten darf ich schon ins Labor. Hier wird Blutdruck und Gewicht überprüft. Blutdruck ist leicht erhöht, was ich aber meiner Aufregung zuschreibe. Das letzte mal war er super. Mein Gewicht. Joa….seit ich Insulin spritze, hab ich fünf Kilo zugenommen. F Ü N F. Seit März. Das ist echt hart. Mein Bauch fühlt sich falsch an, also er fühlt sich schwer und wannig an…richtig unangenehm. Seit Mai ist ja jetzt noch mehr Insulin dazugekommen. Ich hoffe, dass es kein Fett ist sondern einfach nur Wasser. Ich werde die Diabetologin am Freitag mal fragen, da ist mein nächster Termin bei ihr.
Wie dem auch sei, mein Gewicht mit Klamotten: 70,8 kg. WHAAAT? Meine Güte…das ist echt viel. 2019 stand da 64, das war etwas wenig, ich bin ja recht groß. Aber die 7 hatte ich lange nicht mehr vorne. Gegen Ende der ersten Schwangerschaft ja, da hatte ich 72. Aber die waren 2 Tage nach der Geburt wieder weg.

Egal, wenn es hilft, das Baby gesund und lebendig zur Welt zu bringen, dann nehm ich auch die fünf Kilo mehr.

Während des Blutdruckmessens schiele ich rüber und was sehe ich da? Ich glaube, das ist mein Mutterpass. Die MFA trägt dort meinen Wert ein? Nee, was macht sie denn? Ist das nicht meiner? Aber warum sollte sie den Mutterpass einer anderen Frau jetzt gerade in der Hand haben. Ich glaub es ist meiner. Hihihihihi. Ich heule bestimmt gleich.

Nach dem Labor wieder ab ins Wartezimmer. Ich muss nochmal eine knappe halbe Stunde warten. Das kommt mir ähnlich lange vor, wie die letzten 18 Tage.

Dann hör ich meine Gyn, wie sie meinen Namen aufruft. Oh HILFE! Ich kann nicht mehr.
Schaff ich den Weg in das Zimmer? Ich fühle mich, als würde ich auf halbem Wege einknicken.

„Wie geht’s Ihnen?“ – „Ich bin so unfassbar aufgeregt, ich kann’s nicht erklären. Es ist schlimm.“

Wie immer sagt sie „na dann wollen wir doch direkt ersmtal schauen und reden danach, oder?“

JA!

Dann geht’s los. Ich setze mich auf den Stuhl. Der Monitor geht an, der Ultraschallstab wird eingeführt.

Und dann sehe ich….NICHTS.
Oh nein nein nein nein nein.
Da ist ja gar nix. Nicht mal die kleine Höhle, wo alles drin liegen sollte.

Sie dreht den Stab hin und her. „Ich muss mich hier erstmal zurecht finden und alles scharf stellen.“

Mir rutscht das Herz in die imaginäre Hose. Oh nein. Bitte. Bitte. Bitte.

„Da isses ja. Sehen Sie? Sehen Sie das Herz? Da schlägt es.“

Ich will heulen. Den ganzen Morgen schon, aber jetzt besonders. ICH SEHE ES! Mein kleines Gummibärchen. Oh wie schön. Ich atme laut aus und halte mir die Hände vor’s Gesicht. „Oh Gott, danke!“

Sie misst noch die Größe, 1,6 cm.
Auf dem Ultraschallmonitor wird die der Größe entsprechende Schwangerschaftsdauer angezeigt.
Ich bin rechnerisch bei 7+5, also 7W5, also 7 Wochen und 5 Tage schwanger, gemessen an dem ersten Tag der letzten Periode.
Auf dem Monitor sehe ich aber sogar 8W1. Also 8+1, also 8 Wochen und 1 Tag schwanger. Hihi. Das ist schön. Sogar größer als gedacht. Drei Tage größer. Oh wie schön.

Ich bin so erleichtert. Es ist unglaublich. Meine Gyn sagt noch „es sieht alles richtig richtig gut aus. Die Größe passt perfekt, das Herz schlägt. Alles gut.“

Am liebsten würde ich sie umarmen. So unten ohne ist das aber noch unangebrachter als sowieso schon. Mit und ohne Pandemie.

Ich ziehe mich wieder an, sie druckt das Ultraschallbild aus. Wir reden noch kurz über meine Übelkeit, sie sagt, „es heißt ja, dass das ein gutes Zeichen ist“, notiert mir aber Tabletten, die ich mir in der Apotheke holen kann, die helfen sollen. Es sind einfach B-Vitamine, nix schlimmes. Wenn es gar nicht auszuhalten ist, kann ich auch richtige Medikamente bekommen. Dann das Thema Zuckerwerte, die etwas schwanken. „Wissen Sie, ich würde ja eh sagen, mit Ihrer Vorgeschichte und Vorerkrankung, dass wir über ein Beschäftigungsverbot reden müssen. Ich würde sie gerne aus dem Job rausnehmen.“

Obwohl ich glaube, dass die Arbeit mich gut ablenkt, sehe ich ihren Punkt und muss ihr auch zustimmen. Die letzten Wochen waren unglaublich stressig auf Arbeit und es ist kein Ende in Sicht. Das Pensum ist für mich so nicht zu schaffen, schon gar nicht mit Baby im Bauch. Ich brauche einfach mehr Zeit am Tag, um mich um meinen Blutzucker zu kümmern, um mich zu erholen, um mich zu bewegen. Es geht nicht anders.

Weil ich am Freitag ja einen Termin bei der Diabetologin habe, will sie den erstmal noch abwarten und ihre Einschätzung hören, sie ist aber der Meinung, man solle mir jetzt so viel Stress wie möglich ersparen. Sie ist einfach so lieb.
Vielleicht macht es Sinn, 50% weiterzuarbeiten. Ob das geht? Ich weiß es nicht.

Sie schreibt mich die Woche krank, ich kann mir das aber gerade gar nicht leisten. Es ist so viel zu tun. Also arbeite ich doch noch etwas weiter. Zu wissen, dass ich einfach auch aufhören kann, wenn ich eine Pause brauche, ist auf jeden Fall hilfreich. Deshalb wäre das Beschäftigungsverbot sicher doch sinnvoll und ja, irgendwie auch nötig.

Ich gehe nach Hause. Selig. Ich bin erleichtert. Hab immer nocht Tränen in den Augen vor Freude. Das geht den ganzen Tag noch so.

Zuhause angekommen ist S da, er arbeitet noch und sieht mega schlecht gelaunt aus.

Ich komme freudig auf ihn zu und sage ihm nochmal, ich hab ihn bereits direkt angerufen, als ich aus der Praxis raus bin, dass alles super ist und es dem kleinen Himbeerchen gut geht. Zeige ihm den Mutterpass (ES WAR MEINER!) und das Ultraschallbild.

„Na das ist doch schön.“

Ja, wa. Na das ist es doch. Oah, was ist denn schon wieder los? Ok, er hat die letzten Tage starke Schmerzen im Nacken, die kommen teilweise so richtig wie ein Schlag und er kann sich dann kaum bewegen und ihm wird schlecht. Richtig krass. Ich hab ihn gebeten, mal ein MRT machen zu lassen und sich eine Überweisung für manuelle Therapie oder sowas zu holen. Hat er auch gemacht, zum Glück.

Ich gehe also davon aus, dass die Laune deshalb nicht so dolle ist. Es trifft mich aber trotzdem. Das gleiche Spiel wie beim positiven Test. Zwei so tolle Nachrichten und er ist den GANZEN TAG schlecht drauf. „Weißte, für mich ist das halt total abstrakt noch.“

Ja naja….diese Sprüche…meine Güte…..dann hab noch einen schönen abstrakten Tag. Ich bin genervt.

Die Stimmung ist und bleibt schräg. Nicht schlecht, es gibt auch echt gute Tage, aber dadurch, dass ich nicht sonderlich sexuell gerade bin (übel, müde, aua), er sowieso ja wegen seinem Nacken auch nicht so topfit, ist es sehr knirschig.

Wir werden sehen, wie es weiter geht.

Alles wird gut.

6 Kommentare zu „Übel

  1. Oh es ist so schön von dir zu lesen! Ich freue mich riesig, dass alles gut aussieht.

    Mir war auch furchtbar übel in der Schwangerschaft, ich hatte die Tabletten und Akkupressur Armbänder und Ingwertee und eine gelbe Schüssel 😅… im Nachhinein hätte ich mehr für ein Beschäftigungsverbot kämpfen sollen.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich denke, mit jedem US wird’s besser…. nächste ist bei 10+5 am 15.6. und danach schon die Feindiagnostik am 30.6.
      Danach wird’s bestimmt eeeetwas besser.
      Aber vor der Lebensfähigkeit bleibt es glaub ich schwieriger….

      Aber wir beide bekommen unsere Januarmotten🥰🌈🙏

      Gefällt 2 Personen

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