Der Knödel hat Geburtstag – Da isser!

Der Morgen

Es ist so weit. Ich hab kaum geschlafen. Bin unfassbar aufgeregt und vorfreudig und angespannt und kann’s einfach nicht glauben. HEUTE WERDE ICH MAMA! Naja, eigentlich bin ich’s ja schon ne Weile, aber ich meine, ich darf mich ab heute Nachmittag einfach mal um mein, um unser Kind kümmern. Ich darf ihn sehen, hören, riechen, knutschen. Wie unglaublich.

Der Morgen geht recht schnell vorbei, ich mach noch ein letztes Bauchfoto mit einem Umfang von 114 cm.

Mein Bauch am Tag der Geburt – 38+1

Es ist einfach alles so verrückt.
Wir sind Kaiserschnitt Nummer drei am 20.12.2021, wir sollen uns auf etwa 14 Uhr einstellen. „Es kann aber immer sein, dass noch ein Notfall dazwischen kommt, dann wird es etwas später.“

Ich bin so aufgeregt. „Boah, ich hoffe es kommt nix mehr dazwischen und wir sind wirklich dann auch 14 Uhr dran. Aber ich wette es wird später.“
S glaubt es auch. Irgendwie haben wir es im Gefühl. Mal sehen.

H ist seit gestern bei meinem BFF, er behält sie bis ich, nee WIR, aus dem Krankenhaus zurückkommen. Ich bin so dankbar dafür, weil sie so nicht immer erleben muss, dass S ohne mich nachhause kommt, das wäre sicher schwierig für die alte Hundedame.

Obwohl S und ich eigentlich überlegt hatten, mit einem Taxi in die Klinik zu fahren (ich fand den Gedanken schön, dass wir den Tag nur für uns haben, also quasi…), haben wir uns am Ende doch für meinen Schwiegervater als Chauffeur entschieden. S war das irgendwie lieber, „der ist wenigstens pünktlich“. Machen wir uns nix vor, der zukünftige Opa ist ÜBERpünktlich. Er steht schon ne viertel Stunde vor Abfahrt oben an der Straße. „Naja, da hat er jetzt Pech und muss halt warten.“ Da ist S dann auch ganz unbeeindruckt…haha.

Dann geht’s aber los. Ich darf seit geraumer Zeit nix mehr essen, nur Wasser und schwarzen Kaffee trinken. Den Kaffee klemm ich mir, ich zitter sowieso schon wie Espenlaub.

Es ist so ein schöner Tag. Arschkalt, aber blauer Himmel und Sonne. Wahnsinn. So perfekt.
Auf dem kurzen Weg in die Klinik, wir brauchen nur knapp 10 Minuten, überkommen mich kurz Zweifel, ob der Kaiserschnitt die richtige Wahl war. Hätte ich dem Knödel nicht doch die Zeit lassen sollen,, die er braucht? Hätte ich ihm nicht jeden weiteren Tag im Schutz meines Bauches gönnen sollen? Ach verdammt…der arme Muckel….ob ich noch absagen soll?

Am Ende sage ich nicht ab und gelange zurück zu dem positiven Gefühl, was mich seit der Entscheidung FÜR die Bauchgeburt begleitet hat. Zum Glück.

Im Kreißsaal angekommen, im Kopf noch nicht

Im Kreißsaal angekommen, fühlen wir uns irgendwie etwas lost. Wir waren vorher noch nicht da, wissen gar nicht so richtig, wohin. Also wir haben den Kreißsaal noch nicht vorher gesehen und die Station auch nicht, wir waren immer nur „unten“ bei der Anmeldung und zur Vorbereitung. Ich muss aber sagen, dass das auch gut so ist. Hätte ich die aufgeregte Stimmung und den wirklich kleinen Kreißsaal vorher gesehen, hätte ich sicher die ganze Geburt abgesagt…haha. Spaß. Aber manchmal ist es eben ganz angenehm, wenn man noch nicht weiß, was auf einen zukommt.

Wir kommen also an, eine Schwester nimmt meine Personalien entgegen und dann kommt der Satz: „Wir haben hier gerade noch einen Notfall reinbekommen, Sie können ruhig nochmal eine Stunde rausgehen.“

Oooooaaaah. Maaaaann So schön das Wetter ist, wenn man auf sein Kind wartet und nicht mal nen Latte trinken kann, dann macht rausgehen auch nicht so richtig viel Laune.
Aber was sollen wir machen. Es ist wie es ist. Also gehen wir raus und versuchen, die Stunde schnell rum zu bekommen. Das gelingt uns nicht wirklich….eine halbe schaffen wir, dann gehen wir zurück zur Klinik und setzen uns unten in den Aufenthaltsraum. Da ist es wenigstens warm.

Wow, wie viele Leute mit Ballons und Maxi Cosi hier reinkommen. Ein kinderreicher Dezember, offenbar.

Und da sitzen wir nun und schauen gespannt auf die Uhr, wie sie im Schneckentempo auf das Vollenden der zusätzlichen Stunde zusteuert.

Und es dauert wirklich ewig…Ich streiche mir wie in Trance permanent mit den Händen über die Oberschenkel, als müsste ich sie aufwärmen…ohaaa, noch 10 Minuten. Noch 5.

Wir kucken uns erwartungsvoll und gespannt in die Augen, ich nicke….

Oh no, oh no, oh no no no no no …. bitte nicht…

Jetzt! Die Stunde ist um.

Wir gehen wieder hoch in den Kreißsaal. Meine Güte…wie aufgeregt kann man sein?!
Oben ist es noch genauso aufgeregt wie vorhin. Hoffentlich nicht noch ein Notfall…Oah bitte.

Eine Schwester oder Hebamme, ich bin mir nicht sicher, kommt auf uns zu und nennt mich beim Nachnamen:
H.? Bitte mitkommen.“
Meine Augen sind weit aufgerissen. Es geht los.

Wir werden in einen Raum geführt, eine Art Vorbereitungsraum, mit CTG und allen möglichen anderen Gerätschaften.

„Bitte ausziehen.“
Ooookeeey. Ich bin etwas verwirrt, weil ich mir irgendwie einen etwas herzlicheren Umgang gewünscht hätte. Aber naja, Zeit für Liebe ist später. Haha.
Ich ziehe mich also aus und schlüpfe in die Sachen, die sie mir gibt. Ein OP-Kittel und ein Netzhöschen, außerdem eine Haube. Die Maske hab ich ja auch die ganze Zeit noch an.

„Da hinlegen.“
Sie zeigt auf die Liege. Ich kucke S an und ziehe die Augenbrauen hoch, an seinen Augen sehe ich, dass er überhaupt nicht zufrieden ist, wie „kalt“ alles ist. Und das ist es wortwörtlich. Nicht nur der Umgang, auch das Zimmer. Corona-Times, baby.

Ich leg mich also hin, die Schwester verschwindet.

„Ooookey. Was ist hier los? Kann es denn echt sein, dass wir schon wieder die eine Schwester erwischt haben, die den Mund nicht aufbekommt oder uns scheiße findet? Wie vor zwei Jahren?“ Ich kucke S genervt an. Er sagt: „Naja, sie wird kein Deutsch können.“ – „Ja naja, aber dann ist es vielleicht nicht so richtig cool, sie alleine „laufen“ zu lassen. Sie muss es lernen, ist ja klar, aber das sind doch so krasse Momente hier und wir stehen vor einem Kaiserschnitt. Da muss doch jemand mit einem reden, oder nicht?“ S sieht es genauso.
Wir warten mal ab.

Sie kommt wieder, legt mir das CTG an. Sie ist nett, aber sagt eben kaum was. Nach einer halben Stunde CTG (nagelt mich nicht auf die genauen Zeitangaben fest) kommt sie wieder und will mir einen Zugang legen und Blut abnehmen. „Ich habe Rollvenen, das ist immer etwas schwierig.“
Sie stöhnt, klingt genervt. Sie versucht es dreimal, gibt dann auf und geht los, um eine Ärztin zu holen. Als S und ich kurz alleine sind, muss ich zugeben: „Ehm…ich fühle mich sehr unwohl gerade. Sie ist jetzt hoffentlich nicht „unsere“ Schwester oder Hebamme. Sie hat sich ja nicht mal vorgestellt. JETZT bekomme ich echt Panik. Ich brauch hier Leute, die uns unterstützen. Das triggert mich krass.“

S stimmt mir zu und sagt, er würde noch kurz warten, ansonsten um eine andere Schwester oder Hebamme, wir wissen ja nicht, was sie genau für eine Funktion hat, bitten

Ein Königinnenreich für Ines ❤

Naja, long story short: Es war nicht „unsere“ Hebamme. Puh. Unsere Hebamme ist Ines. Ines ist super. Ne richtige Berliner Schnauze. redet mit uns, als würden wir uns schon Jahre kennen. Sie nennt mich immer „meine Hübsche“ und „meine Kleene“. Haha. Richtig toll. Sie streichelt mir immer über die Schulter und sagt, „mach dir keen‘ Kopp meine Kleene. Wir machen dit hier jeden Tach.“
Sie sagt das so nett und überzeugend, dass es mir dadurch tatsächlich besser geht. Sie erklärt noch, dass sie bei der OP dabei ist, also mitmacht, sagt dann S, wann er reingeholt wird, nämlich nachdem ich betäubt bin, und dass er wie ein Streichholz durch den kleinen Kreißsaal laufen muss. Ganz schmal und steif. Er darf NICHTS berühren.

Ich bekomme ein Antibiotikum per Infusion, der Anästhesist stellt sich uns währenddessen noch kurz vor und erklärt uns, ja, UNS, also S wird permanent mit angeschaut, den Ablauf der Spinalanästhesie und kurz nach dem er weg ist, zieht S sich auch schon die „Scrubs“ an, also die Klinikklamotten, und dann geht’s los.

Ines nimmt mich mit, streichelt mich weiterhin immer an der Schulter, redet mit mir, macht mir Mut, macht Witze, bereitet mich vor. Ganz ganz ganz ganz toll. Ich bin so dankbar für Ines. Ich glaube, ich lasse mir ihren Namen unters Herz tättowieren, weil ich ohne sie wahrscheinlich zusammengebrochen wäre.

DANKE INES!

Endlich im Kreißsaal – „Spüren Sie noch was?

Ines führt mich zur Liege, wo gleich alles passiert. Der Kreißsaal ist unfassbar klein und eng und voll mit Geräten und Menschen in Kitteln. Wahnsinn. Ah, ein bekanntes Gesicht. Der nette Anästhesist. Er stellt mir alle namentlich vor, die in „seinem Team“ sind. Leider kann ich mich an keinen der Namen erinnern. Stünde auf der Geburtsurkunde nicht der Name des Arztes und der Ärztin, die die OP durchgeführt haben, wüsste ich auch diese nicht mehr. Nur Ines. Ines kann ich mir merken. Ines werde ich mir auf ewig merken können.

Der Assistent vom Anästhesisten fängt direkt an, mit mir zu reden. Er labert mich förmlich zu. Er stellt 1000 Fragen, teilweise über die Schwangerschaft, teilweise über mich. An alles erinnere ich mich nicht. Nur zwischendurch immer „sind Sie aufgeregt?“. Jedes Mal, wenn ich diese Frage bejaht hab, hat er mich noch mehr gefragt. Jetzt weiß ich, dass es zur Ablenkung sein sollte, während sein „Chef“ meine Betäubung vorbereitet. Den Pieks in die Wirbelsäule habe ich kaum gemerkt. Jetzt ist die Betäubung gelegt. Mein Kopf will gerade anfangen, die ganzen schlimmen Nebenwirkungen in „was wenn“ -Sätze zu formulieren, da ist der Assistent schon lauter in meinem Ohr und stellt die nächsten Fragen.

„Jetzt holen wir Ihren Mann.“ GOTT SEI DANK!
Ich war keine 10 Minuten alleine im Kreißsaal, aber mit S an meiner Seite ist einfach alles leichter. Er wird mir hinter den Kopf gesetzt, wird vom redseligen Assistenten instruiert, dass er mich streicheln soll und mit mir reden, was S auch zu voller Zufriedenheit erledigt 🙂

Mein Unterleib wird mit einem Tuch abgehängt, ich sehe also nix. Dann steckt ein Mann seinen Kopf über dem Laken heraus, als wolle er ein kleines Kind zum Lachen bringen. „Hallo, ich bin der Dr. K., ich mache die OP.“ Er lacht dabei wie ein Honigkuchenpferd und ich freue mich richtig. Das gleiche macht seine Kollegin dann auch. „Hallo, ich bin Dr. R., ich mache die OP.“ Auch sie wirkt unglaublich sympathisch und gut gelaunt.

Nebenbei fragt der Anästhesist mich immer „Spüren Sie das noch?“
Ich weiß, dass ich mindestens vier Mal mit „Ja, so ein bißchen…“ geantwortet hab. Beim letzten Mal dann „Eh, was denn?“ – „Perfekt, so soll es sein, dann geht’s jetzt los. Es wird ein wenig ruckeln und vielleicht spüren Sie eine Art Druck, das hatte ich Ihnen schon erklärt. Aber sonst spüren Sie nix.“

S hat mir stetig meinen Arm und meine Schulter gestreichelt, irgendwas mit mir geredet, ich weiß nicht mehr was.

Dann kommt der einzige Satz, an den ich mich erinnere:

„Da isser.“

Und dann ist da der Schrei. DER Schrei. DA ISSER!

Es bricht aus mir heraus. Ich heule und heule und heule und heule. Ich weiß nicht ob ich jemals so glücklich war.

Dann wird unser Knödel mir von Ines kurz gezeigt, ich darf ihn küssen, dann wird er von dem Ärzte-Duo kurz mitgenommen.

Oh mein Gott. Ich kann es nicht fassen. Wie wunderschön er ist. S streichelt mich weiter und spricht mit mir, bis ich fast das Bewusstsein verliere. Ich kann nicht mehr antworten, werde wohl komplett blass. Ich höre, wie der Anästhesist erklärt, dass das recht häufig vorkommt, sie mir jetzt eine Infusion geben werden, dann bin ich ganz schnell wieder da. Und Bums, da bin ich wieder. Genau rechtzeitig, als S von Ines abgeholt wird. Er darf jetzt zum Knödel, während ich zugenäht werde. „Ich bring Dir Deine Männers sofort wieder, meine Kleene. Jeht janz schnell.“ Ich weine immernoch und nicke nur.

Niemals hätte ich gedacht, dass ich so viele Endorphine besitze. Was für ein Wunder. Unfassbar. Nach kurzer Zeit kommt S wieder und Ines packt mir den Knödel, nur mit einer blauen Wollmütze gekleidet, in mein Bondingtop.

Da isser. Da isser einfach. Wir haben’s geschafft.

Da isser <3.

6 Kommentare zu „Der Knödel hat Geburtstag – Da isser!

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