Wie geht Löwenmama?

Tag 1

Tag 1 nach der Geburt unseres kleinen Wunders. Es ist 7 Uhr. Ich hätte um 5.30 Uhr meine Schmerzmittel nehmen sollen. Alle drei Stunden. Ibu und Paracetamol immer schön im Wechsel. Scheinbar bin ich also doch eingenickt, sonst hätte ich sie ja genommen.

Das rächt sich sofort. Ich muss so dringend pinkeln, der Knödel schläft im Beistellbett neben mir noch ganz ruhig. Ich versuche also aufzustehen, scheitere schon nach einem halben Zentimeter.

Oooaaaaaaaaah. Auuuuaaaaa. Alter!

Es fühlt sich an, als hätte ich den ganzen Unterleib voller Glasscherben und spitzen Messern und was weiß ich nicht alles. Fuck fuck fuck fuck. Ich komm nicht hoch. Ich versuche, mich über die Seite rauszurollen. Aber selbst wenn ich es schaffe, wie zur Hölle soll ich denn zum Klo kommen, mich hinsetzen und wieder aufstehen???? Scheiße….

Ich entscheide mich, mir erstmal die Tabletten einzuverleiben, dann können die schonmal wirken. Also rollern auf die andere Seite, zum Nachttisch. Nein, nicht weniger schmerzhaft. Es ist brutal. Es brennt, sticht, zieht, reißt….ooooaaaah. Maaaaaann.

Ich beiße die Zähne zusammen, ich muss nämlich WIRKLICH DRINGEND PINKELN!

Irgendwie schaff ich es und komme auch bis zur Toilette. Da geht’s dann aber weiter. Wie erwartet. Es ist eine Herausforderung sondergleichen, mich hinzusetzen (natürlich vorher alles mehrfach desinfizieren, was schon Schwerstarbeit ist) und dann einfach laufen zu lassen. Wallah….Alles tut weh. Alles. Mir wird richtig übel und schwindelig. Boah fuck.

Genauso irgendwie, wie ich zur Toilette komme, komme ich auch wieder zurück. Ich brauche gefühlt 2 Stunden für 2 Meter. Alles im Schleichgang. Atmen, atmen, atmen.
Noch wirken die Tabletten nicht. Ich hoffe, es dauert nicht mehr allzu lange

Knödel pennt immernoch und ich heule schon wieder, bei seinem Anblick. „Wahnsinn. Da isser einfach. Verrückt.“

Nachdem die Tabletten wirken, erwische ich mich dabei, wie ich Panik bekomme. „Er bewegt sich gar nicht. Ich hab ihn noch gar nicht gespürt. Oh nein, nein, nein..“

Dann kuck ich zur Seite. Ah stimmt ja! Da bewegt er sich ja ab jetzt. Na klar. Er ist gar nicht mehr in meinem Bauch.

Es wird sicher noch ewig dauern, bis ich es tatsächlich realisiere.

Am Nachmittag darf S für eine Stunde vorbeikommen. Ich kann’s kaum erwarten, bin richtig aufgeregt.
Ich hab ihn noch nie so gesehen. So… so glücklich, so verliebt. Wahnsinn. Er wirkt genau so selig, wie ich mich fühle. Wahnsinn. Als er unseren Sohn das erste Mal auf den Arm nimmt, ihr ahnt es, laufen mir die Tränen nur so.

Es ist schwer zu beschreiben, wieviel Dankbarkeit und Liebe ich empfinde. Es ist wirklich unglaublich.

Tag 2

An Tag 2 nach der Geburt, also Krankenhaustag 3, ist die U2.
Die ist überraschenderweise beim Chefarzt himself. Wieso das? Naja, meine Schwiegeroma ist ja Kinderärztin und hat länger in der Notaufnahme im gleichen Krankenhaus gearbeitet. Anscheinend kennen die beiden sich und sie darum gebeten.
Joa, ich bin gemischter Gefühle….An sich ist das natürlich toll, aber irgendwie auch n bissi unangenehm. Aber weiß ja keiner… Und die Schweigepflicht gilt für ihn ja hoffentlich trotzdem.

Bevor der Chef uns zur U abholt, ist noch die „normale“ Routine angesagt. Statsionsschwestern und Hebammen kommen ins Zimmer, erkundigen sich nach meinem Wohlbefinden, schauen sich den Bauch an, wiegen den Kleinen Pups. „Ab morgen machen Sie das dann aber selbst und schreiben das hier auf..“ Sie gibt mir einen Zettel mit Stillprotokoll und Gewichtsverlauf
Ooookey. Machenwa so. .

Dann wird sie unruhig. „Hmm. Wir wiegen mal lieber nochmal…. Ja…hmm… er hat sehr viel abgenommen. Fast etwas zu viel. Wir messen nochmal Zucker bei ihm….2,7. Das ist sehr niedrig. Warten Sie mal.
Dann geht die Oberschwester (so wirkt sie zumindest) weg und kommt dann mit mir unbekannten Utensilien zurück.

Wenn der Chef sieht, dass er so viel abgenommen hat, dann können Sie nicht so schnell nachhause. Nicht, dass er auf die Neo muss.“

WHAT?

Was ist denn hier los jetzt???? Ich versteh gar nix mehr. Sie hat es mir nochmal erklärt, nachdem ich ihr auf ihr Nachfragen aufgedeckt habe, wie wir zu einer Chefarztbehandlung kommen….

„Also eine gewisse Gewichtsabnahme nach der Geburt ist normal. Die darf aber maximal 10% vom Geburtsgewicht sein und die haben wir jetzt schon fast erreicht. Deshalb müssen wir zufüttern. Das zeig ich Ihnen jetzt. Dann komme ich danach nochmal wieder und wir messen nochmal den Blutzucker. Der muss steigen. Der muss auf jeden Fall über 3 sein.“

Meine Schwiegeroma hat mir im Nachhinein erklärt, dass man bei einem Verlust über 10% davon ausgehen muss, dass die Babies dehydrieren.

Ok, ich soll zufüttern. Natürlich unter Tränen.
Ich hab so eine Angst, dass der Kleine doch nicht so gesund ist, dass mein Diabetes ihn doch irgendwie erwischt hat, dass ich von ihm getrennt werde und er über eine Sonde ernährt werden muss. Ich hab richtig dolle Angst.

Ich bekomme Prenahrung und eine Spritze. Ohne Kanüle. Nur die Spritze. Da passen 5ml rein. Die soll ich ihm 6x geben. Meinen kleinen Finger in seinen Mund, gegen den Gaumen drücken. So wird der Saugreflex angeregt. Parallel den Inhalt der Spritze in den Mund geben. Nach und nach. Ganz langsam.

Ich stelle mich der Aufgabe. Während ich ihn füttere, fühle ich mich wie in einer Tierrettungsstation. Als hätte ich ein verwaistes Rehkitz vor mir. Scheiße. Scheiße. Scheiße.

Es fühlt sich nicht gut an. Es fühlt sich falsch an. Natürlich bin ich froh, dass es diese Möglichkeit gibt. Dass mein Kind, Kinder die hier geboren werden, nicht verhungern müssen. Aber es fühlt sich falsch an. Wie sollte es denn eigentlich sein?

Stimmt! Ich sollte stillen! Was ist denn damit? Ich frag die Schwester nochmal. SIe erklärt mir, dass ich wahrscheinlich noch nicht genug Milch produziere oder er noch nicht gut genug trinken kann.

Ok. Verstanden. Akzeptiert. Ohne weitere Nachfrage.
Es fühlt sich trotzdem nicht gut an.
Sie misst noch einmal Zucker, immer noch unter 3. Mist.

Aber jetzt geht’s zur U2.

U2 bei Chefe

Der Chefarzt ist sehr nett. Ich verstehe ihn kaum, aber er ist sehr nett. Er nuschelt dolle und die Maske hilft da natürlich auch nicht besonders.

Er macht, was er machen muss, ich kann mir nichts von dem merken, was er mir erklärt.

Am Ende dann die Erlösung: es ist alles super. Sein Blutzucker ist auch über 3 und wenn er jetzt etwas zunimmt, dann kann ich auch locker morgen mit ihm Nachhause. Aber nur, wenn ich das möchte. Ich darf auch noch bleiben.
Haha, ist der niedlich.

Ich bin erleichtert und hoffe, dass klein Pupsibert jetzt zunimmt.

Welcher Tag ist es denn?

Mir fällt gerade auf, dass ich überhaupt nicht mehr zusammenkriege, was wann passiert ist. Also die U2 war am zweiten Tag nach der Geburt. Die Schmerzmittel hab ich auch nur das eine Mal vergessen, das war mir eine Lehre…also das stimmt auch, es war Tag eins nach der Geburt.
Aber alles andere? War S wirklich nur noch einmal da und danach konnte er mich schon abholen? Hmmmmm. Es scheint mir so viel im Krankenhaus passiert zu sein, das passt doch gar nicht in nur 3 Tage. Verrückt.

Naja, wie dem auch sei, er kommt natürlich auch an Krankenhaustag drei zu Besuch. Er bringt mir wieder was zu Essen und eine kleine Flasche Pepsi Maxx mit. Hmmmmmm. I love it. Ich erzähle ihm alles und muss wieder weinen. Das weiß ich noch.

Ich weiß auch noch, dass ich Tipps zum Stillen bekomme. Ja. Das war auch irgendwann. Aber nur kurz.

Dann war auch noch ein Fotoshooting im Krankenhaus. Auch, wenn die Bilder total niedlich geworden sind (das Titelbild ist ein Ausschnitt), schäme ich mich dafür, dass ich es hab machen lassen. Auch das hat sich nicht gut angefühlt. Ob ich einfach zu fertig bin, der Trubel in meinem Zimmer – meine Nachbarin ist ausgezogen (yippie) zu viel ist oder ich das Gefühl hab, dass es für den Kleinen einfach zu viel für den Anfang ist,…ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich von allem etwas. Ich weine und weine und weine und stoppe es aber nicht. Ich muss noch lernen, wie man Löwenmamat. Hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Dass ich so sehr gefangen darin bin, anderen alles recht zu machen, so sehr an dem was ich will zweifeln kann, so unsicher als Mama bin, dass ich weder das Zufüttern in Frage stelle oder mir richtig erklären lasse, noch das Fotoshooting abbreche, wenn ich es doch nicht mehr für so eine tolle Idee halte.

Es soll noch weitere Situationen geben, schon sehr bald, die mich in die Knie zwingen.

Aber erst lerne ich noch Abpumpen. Naja, oder soll ich lernen. Es geht wieder nicht ohne viele viele Tränen. Ich komme mir blöd vor. Ich kann mein Kind nicht ernähren. Mein Körper ist nicht bereit. Und zum Abpumpen bin ich auch zu dämlich. Es kommt einfach nix. 1000 Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich will doch so unbedingt, dass es klappt.

Logischer- und Dankenderweise wird mir da meine Ungeduld wieder vorgeworfen. Dadurch würde nichts besser. Ich müsse da jetzt durch.
So die Nachtschwester ganz hochsensibel.
Ich hab ihr dann gesagt, dass mir solche altklugen Sprüche nix bringen, dass ich den ganzen Spaß hier außerdem zum ersten Mal mache und seit 3 Tagen nicht geschlafen hab. Dass ich mir etwas mehr Feinfühligkeit erhofft habe, weil das alles einfach sehr aufregend und aufreibend ist und ich einfach nix falsch machen will.

Sie hat es verstanden und ist ab dann sehr nett und versucht wirklich mir zu helfen.

Und dann ist der nächste Tag. Tag 3 nach der Geburt, Krankenhaustag 4.

Es geht Nachhause!!!!

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5 Kommentare zu „Wie geht Löwenmama?

  1. Kann mich Frau Mutterherz nur anschließen.

    Und ich finde – so aus der Ferne gelesen – klingen da einige auf der Wochenstation in dem Krankenhaus auch nicht soo sensibel. 🙈
    Dass die Milchbildung mal verzögert abläuft, kommt gar nicht mal so selten vor, vor allem nach Kaiserschnitt.
    Und dass beim ersten Mal Abpumpen noch nichts kommt ist auch total häufig der Fall.
    Ich weiß nicht, warum auf Wochenstationen so häufig Menschen arbeiten, die die Frauen, die eh schon total besorgt und voller Hormone sind, noch mehr unter Druck setzen und total verrückt machen. Das ist echt schade.
    Ich hoffe zu Hause lief es besser mit dem Stillen und dass du da gute Unterstützung hattest, die dir keinen Druck gemacht hat, sondern gut geholfen hat?

    Bei Madita damals lief es bei mir auch extrem schleppend mit der Milchbildung. Ich hatte eine extrem verzögerte Milchproduktion und musste sehr lange abpumpen und auch Pre zufüttern. Da sind auch sehr sehr viele Tränen geflossen. Irgendwann lief es dann aber endlich und dann habe ich sogar etwas über 2 Jahre gestillt. Ich hatte aber auch viel Glück, weil ich mich zum einen sehr gut mit den Thema auskannte und eine wirklich wunderbare Hebamme an meiner Seite hatte, die mich wahnsinnig toll unterstützt hat.
    Ich hoffe sehr, in deinem Umfeld gibt es auch so tolle Leute, die dich wohlwollend unterstützen und dich nicht unter Druck setzen oder mit ihren Meinungen „erschlagen“.
    Bin schon sehr gespannt zu hören, wie es bei euch weiter ging. 🥰

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  2. Ach Süße, das sind einfach die Hormone. Die verunsichern und öffnen die Tränenkanäle… bei uns war es damals der Hörtest, der dreimal fehlschlug und mich dann in Tränen aufgelöst zurückließ. Ich hatte zum Glück gleich eine sehr liebe Schwester an meiner Seite! Bei mir dauerte es ca. 6 Monate bis ich wieder halbwegs normal tickte und nicht ständig weinte. Alles normal. Alles gut, ihr macht das sicher toll!!!

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    1. Danke du liebe❤️ das beruhigt mich 🤭 der Hörtest war auf einer Seite auch einmal nicht okay, siehste! Hab ich voll vergessen! Da war aber wohl einfach noch Fruchtwasser im Ohr oder so, n Tag später war alles gut 🤗

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