Neue Expertise

Die letzten Tage waren echt ätzend. Warten. Warten. Warten. Warten. Ich denke, ich könnte locker einen Masterabschluss darin machen. Ohne die Uni zu besuchen. Muss nicht mal den Bachelor erst machen. Arrgh.

Nach dem Gyn-Besuch, bin ich eigentlich erstmal ganz positiv gestimmt. Irgendwie wird die Hoffnung größer.
Auch, weil ich mich jetzt durch das Armband oder verschiedene Tests nicht mehr verunsichern lasse. Ich habe weder das Ava-Armband noch, noch kaufe ich mir Schwangerschaftstests. Das fühlt sich gut an.
Natürlich denke ich jeden Tag mindestens einmal darüber nach, mir doch einen zu kaufen. Aber nein. Ich bleibe stark.

Der Bluttest ist ohnehin aussagekräftiger, der erste ist eh gemacht, also warte ich. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Warteeeeeeeeeeeen.

Am Dienstag haben sie noch keinen Befund. Ich hab zur Sicherheit nachgefragt. Die Laune geht in jedem Fall in Richtung Boden. Diese Warterei. Diese Unsicherheit. Das frisst mich auf. Nee, es nagt. Es nagt mich auf. Ganz langsam, knabbert es an meinen Nerven. Ich merke es so richtig. Ich kann es nicht aufhalten.

Atmen. Fünf tiefe Atemzüge ein, fünf halten, fünf auuuuuuuuuuuuus. Und nochmal. Fünf ein, fünf halten, fünf auuuuuuus. Joa. Klappt auch nur so semi.

„Ich hab übrigens So. von uns gratuliert. Sie hat sich sehr gefreut.“
Ich kuck S verwirrt an. „Wann hatte sie denn Geburtstag?“
„Na am Sonntag. Das hatte ich Dir auch erzählt.“
Boah echt? Ich weiß es nicht mehr. Kann mich null dran erinnern.

S sagt mir, dass er eh das Gefühl hat, ich sei überhaupt nicht richtig da. Ich würde ihm überhaupt nicht richtig zuhören.
Er hat recht. Mein Kopf ist so belegt mit Angst und Hoffnung und Zweifel und positiv und negativ und WARTEN.

„Es tut mir leid. Ich kann mich auch nicht konzentrieren. Ich fühle mich, wie in Trance. Manchmal gehe ich draußen über die Straße und dann fällt mir auf, dass ich ja gerade mit H unterwegs bin. Die arme. Muss mich auch richtig blöd finden momentan. Ich bin mit dem Kopf nie bei ihr, nur mit dem Körper. Es ist ganz schlimm gerade, tut mir leid. Aber wenn die Ergebnisse da sind, wird es sicher besser.“

Er nickt ungläubig. Ich kann’s ihm nicht verübeln. Ich denke zu oft, dass „es“ dann und dann besser wird. Meistens ist das nicht so. Oder nur kurz. Bis zum nächsten Zyklus. Bis zur nächsten Zeit kurz vor der Mens.

Zum Glück muss ich nicht arbeiten. Da käme nix Gutes bei raus, glaub ich.

Am Mittwoch ist es noch schlimmer. ich kucke alle 3 Minuten auf mein Handy, ob irgendein Anruf, eine E-Mail von der Praxis da ist. „Liebe Frau Heuser, Ihr ß-hcg Wert ist total im Rahmen, er liegt bei 900.“
Das wäre schön.
Deshalb hat man auch im Ultraschall noch nix gesehen. Weil der Wert da mindestens 1000 sein müsste, damit man ein Pünktchen sieht. Aber weil sich das Hormon am Anfang alle 48-72 Stunden verdoppelt, sieht man bestimmt bei der nächsten Untersuchung am Dienstag was.“
Juhu!

Aber es kommt nix. Gaaar nix. Ich überlege, ob ich nochmal anrufe, nochmal eine Mail schicke. „Morgen ist ja der zweite Test, dann frag ich einfach nach. Reicht ja, wenn ich es dann weiß.“ Ich spiele mir vor, dass es mich beruhigt, dass ich locker Geduld bis Donnerstag aufbringen kann. Es fällt mir schwer. Ich will einfach wissen, was Phase ist. Nee, eigentlich will ich einfach eine positive Nachricht. Ich will im Sommer eine dicke Kugel vor mir herschieben und im November unser Kind gesund und lebendig zur Welt bringen. Ist das zu viel verlangt?

Donnerstag.
Ich hab kaum geschlafen. Mir ist kotzübel. Ich hab Kopfweh. Um 8 ist der Termin. Dann frag ich nach. Oh Gott, hoffentlich wird es positiv.
Meine Morgenroutine mit Frühstück, Hunderunde, Beauty-Stunde läuft automatisch ab. Ich nehme nichts davon bewusst war.

Weil die Praxis auch erst um 8 auf macht, stehe ich noch mit einigen Frauen vor verschlossener Tür. Aber dann geht’s los. Um 8:03 geht die Tür auf. Eine Frau ist noch vor mir. Dann bin ich dran. Ich gehe zum Tresen, um mich anzumelden.
Und dann stelle ich die Frage der Fragen. Für jetzt zumindest. „Haben Sie eigentlich den Wert von Montag schon?“
Die Arzthelferin, nee, man sagt glaub ich medizinische Fachangestellte (sorry!), sucht in ihrem Computer. Sie legt die Strin in Falten, so wie ich das mache, wenn ich was suche. Dann Antwortet sie mit einem russichen Akzent: „Ja, die haben wir gestern bekommen. Ihr Wert liegt bei 58,6.“

Ein Stich ins Herz. Das ist viel zu niedrig. Viel zu niedrig. Das sage ich ihr auch. Sie sagt, wir müssten trotzdem jetzt kontrollieren, wie der Wert sinkt.

Ich sitze da und warte, dass ich ins Labor kann. Ich merke, wie die Tränen sich ihren Weg bahnen. Mir wird kalt. Ich fange an zu Zittern. 58,6. Das ist sooooooooo niedrig. Wäre das der erste Test gewesen, wüsste ich nicht, dass ich schon vor 10 Tagen das erste mal positiv getestet habe, dann hätte ich vielleicht noch Hoffnung. Aber als absolutes Matheass (ist ein Witz) rechne ich direkt durch. Wenn vor 10 Tagen ein 20er bereits positiv war, nehmen wir mal den geringsten Wert, nämlich wirklich nur 20, an. Dieser Wert verdoppelt sich, sagen wir mal ganz langsam, nur alle 3 Tage. Dann müsste er nach 10 Tagen beiiiii…. 20×2=40, 40×2=80, 80×2=160. Naja. ok, also er müsste MINDESTENS bei 160 liegen. Dann wäre mein Eisprung aber super viel später gewesen. Dann wäre die Einnistung ganz ganz spät gewesen. Dann wäre nichts so, wie es aussah. Das wäre ja schön.

Weil ich bei der Blutentnahme schon bei 4+6 bin und es gewissen Referenzwerte gibt, müsste ich wirklich schon einiges über 100 sein. NORMAL. Die Range sind nur Mittelwerte. Es ist wirklich eine große Spanne. Aber ja. 58,6 ist wirklich sehr sehr sehr sehr sehr wenig.

Ich weine schon fast, als mir das zweite Mal Blut abgenommen wird.

Als ich raus gehe, erinnert mich auf einmal alles an den vernichtenden Besuch in meiner ersten Schwangerschaft. Da war es genauso. Ich gehe raus, völlig verwirrt, fange an zu weinen, weil ich zu wenig Fruchtwasser habe, weil mein Kind eine Woche kleiner ist als gedacht, weil der Doppler auffällig ist, weil mein Blutdruck erhöht ist. Flashback. Horror.

Auf dem Weg zur U-Bahn kann ich es dann nicht mehr halten. Das muss auch komisch aussehen, man sieht ja nur meine Augen. Die Tränen. Mein Kopf wird sicher rot.

Ich muss U-Bahn, S-Bahn, dann Auto fahren. Ich fahre nicht mit dem Auto bis zur Gyn, weil ich nie Kleingeld für Parkautomaten hab und sie ohnehin direkt an der U-BahnStation ist. Aber weil es so kalt war, bin ich zumindest bis zur S-BahnStation gefahren. Als ich wieder im Auto ankomme, breche ich richtig zusammen. Ich schluchze und heule und bekomme die Augen nicht mehr auf. Mein Herz fühlt sich an, als hätte jemand reingetreten. Ich fühle mich tatsäächlich fast so, wie bei der schrecklichen Diagnose im September 2019.

Mindestens 10 Minuten sitze ich da und heule. Wie ein Schlosshund. Es tut weh. Richtig weh.

Das hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht. Dass es mich so trifft. Ich war ja schon fast drauf eingestellt.

Aber diese dämliche Hoffnung. Dumm dumm dumm dumm.

Im Forum meines Vertrauens lese ich von vielen, bei denen es auch so war, deren Kinder jetzt neben ihnen liegen. Ja. Cool. Das scheint auch nur anderen zu passieren.
Das soll nicht einopfernd klingen, aber diese „Wundergeschichten“ kann ich irgendwie wirklich für mich nicht glauben.

S schläft noch und weiß nix davon. Er ist gut drauf, als er aufsteht. Dann muss er mich sehen. Boah, wie mich das nervt. Mein Gesicht. Meine verheulten Augen. Mein verzweifelter Blick.

Er nimmt mich in den Arm. Er wirkt sehr geknickt. Ich heule und heule und heule. „Ich weiß wirklich nicht, ob das das Richtige für mich ist. Ich sollte vielleicht nicht schwanger sein. Das macht mich einfach zu fertig. Ich kann das doch nie im Leben 9 Monate aushalten.“ Er nickt. Als ob er erleichtert ist, dass ich es so sehe.
„Weißte, wir könnten jetzt noch 1000 Tests machen, aber ich weiß überhaupt nicht, ob ich das will.“ – „Na wozu denn auch?“

Boooooah. „Na weil ich ein Kind will!“

Da war’s wieder .Es hat so gut angefangen. Dann lässt er wieder so einen unsensiblen Spruch los. Das macht mich fertig.

Naja, ich bin ihm nicht mal richtig böse, weil ich so erschöpft bin. Vom Weinen. Mein Kopf platzt. Und er ist ja auch Teil des Ganzen. Er muss und darf ja auch so reagieren, wie es für ihn gerade richtig ist. Ich will da nicht böse sein. Das wäre unfair.

Es fühlt sich wirklich so an, als ob ich das einfach nicht mehr kann. Ich weiß außerdem nicht, ob unsere Beziehund das weiter aushält. S stimmt mir zu, will aber heute nicht mehr darüber reden.

Na dann warte ich wohl bis morgen. Warten. Kann ich ja. Lieb ich ja.

2 Kommentare zu „Neue Expertise

  1. Puh, jetzt warte ich schon gespannt auf den nächsten Eintrag. Ich bin jemand, der zwar auch oft negative Gedanken hat, aber die Hoffnung erst verliert, wenn alles offiziell ist. Heißt bei Dir: ja, der Wert ist niedrig. Aber in einer Schwangerschaft läuft nie alles nach Bilderbuch. Ich hoffe also dass der zweite Wert höher ist und sich noch alles gut entwickelt. Daumen sind gedrückt.
    Und pass auf den Liebsten auf. Er will es genauso wie Du. D.h. es schmerzt ihn auch, wenn es nicht klappt oder Du den Glauben daran verlierst. ❤

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.